Von Wörtern und Unwörtern

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Jemand, der etwas Besonderes für einen anderen tut, ist – unter Jugendlichen – ein „Ehrenmann“ bzw. eine „Ehrenfrau“. Das wurde heute als das Jugendwort des Jahres 2018 bekannt gegeben. Neben dem Jugendwort werden jedes Jahr noch weitere Wörter gekürt: In ein paar Wochen wird die Gesellschaft für Deutsche Sprache (GfDS) das Wort des Jahres bekanntgeben. Und etwa einen Monat später erfahren wir dann das Unwort des Jahres. Für beide habe ich schon heiße Tipps, welche Begriffe diesmal das Rennen machen werden.   

Jugendwort des Jahres

Seit 2008 sucht Langenscheidt jedes Jahr das Jugendwort des Jahres. Auch dieses Jahr standen wieder die besten 30 aller eingereichten Wörter aus der Jugendsprache online zur Wahl. Aus den Top-Ten des Online-Votings wählte die Jury heute den Gewinner aus. Mit „Ehrenmann/Ehrenfrau“ habe man ein Wort gewürdigt, das „in Zeiten von Hass und Hetze ein positives Zeichen setzt“, erklärte Youtuber Fabian Grischkat, der mit in der Jury saß.

Erinnert ihr euch noch an das Jugendwort von 2017? „I bims“. Um das zu verstehen, muss man der Vong-Sprache mächtig sein. Eine Sprache, die als Witz entstand und sich zum Social-Media-Hype entwickelte. Die Bedeutung des aktuellen Jugendworts zu erraten ist dagegen (auch für ältere Semester) nicht allzu schwer. Immerhin steht das Wort sogar im Duden. Demnach ist ein Ehrenmann „ein ehrenhafter Mann, jemand, auf dessen Wort man sich verlassen kann“ – und von dieser Bedeutung weicht die Verwendung im Jugendjargon jetzt nicht allzu sehr ab. Anders sieht es aus bei „Ehrenfrau“: Sie steht laut Duden für Hofdame und (selten) eine ehrenhafte Frau. Und ist im Gebrauch veraltet.

Meine Jugend ist längst vorbei. Von daher wende ich mich nun anderen Wörtern zu, deren Wahl in Kürze auch wieder ansteht.

Wort des Jahres

Das Wort des Jahres kürt Wörter und Wendungen, die das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben eines Jahres sprachlich in besonderer Weise bestimmt haben. 1971 wurde es erstmals, seit 1977 wird es regelmäßig gekürt. Dabei ist es eigentlich eine ganze Liste an Wörtern, denn die Jury wählt aus Tausenden von Belegen aus Medien und Einsendungen zehn Wörter, die ausreichend bedeutend und populär sind. Eine Wertung oder Empfehlung sei damit jedoch nicht verbunden sein, so die GfDS. 2017 führte der Begriff „Jamaika-Aus“ diese Liste an, auf Platz 2 stand „Ehe für alle“. Auf Platz 7 stand letztes Jahr der „Diesel-Gipfel“. Der Abgasskandal und die Manipulationen verschiedener Autohersteller führten inzwischen in mehreren Städten zu Fahrverboten. Daher vermute ich, dass dieses Jahr „Diesel-Fahrverbot“ ganz weit oben bei den Wörtern des Jahres 2018 stehen wird.

In Anlehnung an „#MeToo“, mit dem sexuelle Belästigungen angeprangert wurden und das es 2017 auf Platz 3 schaffte, entstand ein phonetisch identischer Begriff, der sicher auch gute Chancen auf das Wort des Jahres haben dürfte: „#MeTwo“. Unter diesem Hashtag teilten dieses Jahr Tausende Menschen auf Twitter ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Ein Thema, dem sich viele Verursacher desselben nicht auseinandersetzen möchten. Weil diese Form von Rassismus oft unbewusst geschieht. Und so reagieren die Menschen, denen Alltagsrassismus vorgeworfen wird, oft erst einmal abweisend anstelle ihr eigenes Verhalten in Frage zu stellen: „Was, ich? Nein, ich bin doch kein Rassist!“

Das hat auch hier in Augsburg die Debatte um einen von der Amnesty-Jugendgruppe kritisierten Hotelnamen gezeigt. Mit ihrer Online-Petition wollte die Gruppe auf den rassistisch geprägten Namenszusatz „Drei Mohren“ des Steigenberger-Hotels aufmerksam machen und forderte eine Umbenennung. Doch anstelle einer konstruktiven Diskussion, die die Jugendlichen damit anstoßen wollten, ernteten sie erst mal einen heftigen Shitstorm im Netz. Und auch das hiesige Lokalblatt füllte sein Sommerloch mit mehreren Artikeln dazu, die sich inhaltlich nur wenig von den Kommentaren im Netz unterschieden. Tenor: „Das ist doch ein Traditionsname“ und „Habt ihr nichts Besseres zu tun?“ Sollte es auf lokaler Ebene ein Wort des Jahres geben, so könnte dies in Augsburg definitiv „Drei Möhren“ lauten, denn dieser ironisch gemeinte Vorschlag zur Umbenennung des Hotelnamens hatte den Shitstorm maßgeblich mit ausgelöst (weil Ironie halt auch nicht immer als solche verständlich ist).

Meine zehn Favoriten

Doch wenden wir uns wieder den bundesweiten Ereignissen zu, die bestimmte Begriffe in diesem Jahr bedeutend werden ließen: Weil die Schiffe von zivilen Seenotrettungsorganisationen seit Ende Juni festgesetzt und die Arbeit der Retter kriminalisiert wurde, entstand eine neue Bewegung (zunächst in Deutschland, später auch in anderen europäischen Ländern): die „Seebrücke“. Innerhalb von wenigen Wochen ist die Bewegung massiv gewachsen. Inzwischen gibt es in fast jeder größeren Stadt ein lokales Seebrückenbündnis. Tausende in Orange gekleidete Menschen gingen auf die Straße, um gegen eine menschenverachtende Politik zu demonstrieren, die das Sterben im Mittelmeer als Abschreckungsmaßnahme in Kauf nimmt. Und weil das mein persönlicher Favorit ist, setze ich ihn ganz oben in meine Liste für das Wort des Jahres 2018. Darunter die bereits erwähnten Begriffe sowie einige weitere Kandidaten, die meines Erachtens gute Chancen auf eine Platzierung haben. Und hier ist sie nun, meine Liste:

  1. Seebrücke
  2. Diesel-Fahrverbot
  3. #MeTwo
  4. Hambi bleibt (der Slogan der Demonstranten, die den Hambacher Forst tapfer gegen die Abholzung verteidigten)
  5. Koalitionsstreit (denn anstelle zu regieren, hat die Groko – übrigens das Wort des Jahres 2013 – in diesem Jahr vor allem eins getan, nämlich gestritten)
  6. Kanzlerinnendämmerung: Schon oft wurde sie prophezeit, seit Angela Merkel 2015 angesichts der vielen ankommenden Flüchtlinge „Wir schaffen das?“ verkündet hat. Auch als sich die aktuelle Bundesregierung unter Mühen zu einer neuen Groko zusammengefunden hat, wurde der Begriff wieder herbeizitiert. Und dann nochmals, als im September der CDU-Fraktionschef und Merkel-Vertraute Volker Kauder abgewählt wurde. Wobei schon das Wort an sich wenig Sinn ergibt. Warum „Kanzlerinnen“? Es gab bisher doch nur eine Frau in diesem Amt. Als diese nun vor kurzem ihren Rücktritt als Parteivorsitzende erklärte  und auch nach dem Ende der aktuellen Regierungsperiode nicht noch einmal für das Amt der Kanzlerin kandidieren will, rückt das Ende der Ära Merkel tatsächlich in greifbare Nähe.
  7. Rücktritt vom Rücktritt: Ach, wäre es doch beim Rücktritt geblieben! Damals, im Juli. Uns wären viele dumme Sprüche des „Vaters aller Probleme“ erspart geblieben (die im Übrigen fast alle das Zeug zum Unwort des Jahres haben). Sixt_Seehofer-MotivDie Werbeleute des Autoverleihers Sixt inspirierte das Zögern des Innenministers übrigens zu einem pfiffigen Werbemotiv. Und jetzt hat er schon wieder einen Rücktritt angekündigt, wenn auch nur von einem seiner beiden Ämter. Ob er es diesmal durchzieht?
  8. Sacharbeit: Nachdem die Volksparteien bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen herbe Verluste in Kauf nehmen mussten und die große Koalition nun endlich merkt, dass man mit zu viel Streiten Wähler verliert, will man sich jetzt mehr auf Inhalte konzentrieren, Sacharbeit eben.
  9. „Wir sind mehr“: Der Titel des Protestkonzerts gegen die rechtextremen Ausschreitungen in Chemnitz Ende August wurde (mit Hashtag davor) auch in den sozialen Medien stark verbreitet.
  10. WM-Aus: Das frühe Ausscheiden der deutschen Mannschaft alleine wäre vielleicht noch kein Grund, um es in die Liste der Wörter des Jahres zu schaffen. Doch das Thema wurde nochmals kräftig aufgekocht, als Mesut Özil dafür an den Pranger gestellt wurde und daraufhin aus der deutschen Nationalelf zurückgetreten ist.

Unwort des Jahres

„Verrohung durch Taten beginnt mit der Verrohung von Worten“, schrieb Georg Diez in einer Kolumne zur Sprache der Flüchtlingspolitik. Politiker würden sich immer neue Monsterworte ausdenken, um ihre Verantwortung zu verschleiern. Recht hat er. Und diese Monsterworte haben fast alle das Zeug dazu, als Unwort des Jahres ausgewählt zu werden, das jedes Jahr im Januar bekannt gegeben wird. Das Unwort des Jahres 2017 lautete „Alternative Fakten“ – als irreführende Bezeichnung für falsche Tatsachenbehauptungen, erstmals benutzt von der Trump-Beraterin Kellyanne Conway, dann auch in Deutschland zunehmend verwendet, etwa wenn in sozialen Medien nicht belegbare Behauptungen verbreitet werden.

Die Unwort-Aktion ist eine unabhängige und ehrenamtliche Initiative von vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten. Sie möchte kritisch auf Wörter in der öffentlichen Kommunikation hinweisen, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen, etwa gegen die Prinzipien der Menschenwürde und Demokratie. Die Aktion gibt es seit 1991. Sie basiert auf der Mitwirkung der Bürger. Jeder kann bis zum 31. Dezember eines jeden Jahres schriftlich Vorschläge an die Jury einreichen (mit Begründung und Quellenangaben). Die Jury wählt dann aus den Vorschlägen das Unwort des Jahres aus und gibt es Mitte Januar bekannt. Ihr könnt für 2018 also noch Unwörter vorschlagen.

Ich habe das bereits getan und ich denke, mein Vorschlag hat gute Chancen, ausgewählt zu werden. Es ist eines der vielen Wörter, mit dem Politiker dieses Jahr Stimmung gegen Flüchtlinge und Asylsuchende gemacht haben: „Asyltourismus“. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat es verwendet, nachdem er im Juni den bayerischen Asylplan vorgestellt hatte.

Söder-Tweet_Asyltourismus

Verzerrendes Framing

Worte geben einen Rahmen vor, auch Framing genannt. Ein Tagesthemen-Bericht dazu erklärt, warum „Asyltourismus“ ein Beispiel für ein völlig verzerrendes Framing ist. Denn damit wird suggeriert, dass die Menschen, die hierher kommen, um Schutz zu suchen, auf einer Erholungsfahrt seien, was nicht der Fall ist. Sie tun das auch nicht freiwillig und können nicht einfach in ihre Herkunftsländer zurückkehren.

Bundesinnenminister Seehofer hat das Wort beim Koalitionsstreit wieder aufgegriffen, und kurz darauf hat es auch die CDU brav übernommen, doch da war es schon längst verpönt: „Vorsicht bei dem Wort“, warnte Ingo Zamperoni CDU-Ministerin Julia Klöckner im Tagesthemen-Gespräch nach dem Kompromiss im Koalitionsstreit Anfang Juli.

Denn die SPD hatte bereits mit einer Verfassungsklage gedroht, weshalb Söder das Wort dann auch nicht mehr benutzt hat. Die Klageandrohung umfasste weitere von Söder benutzte Begriffe wie „Belehrungsdemokratie“ und „Anti-Abschiebe-Industrie“. Sie alle wären auch gute Kandidaten für das Unwort des Jahres, ebenso wie viele weitere von der CSU geprägte oder inflationär benutzte Begriffe (Ausschiffungsplattform, Ankerzentren, Transitzentren, Masterplan). Überhaupt könnten die CSU-Spitzenpolitiker ein ganzes Buch an Unwörtern füllen, allen voran der „Vater aller Probleme“ mit seiner Bemerkung über „Migration als Mutter aller Probleme“.

Ein ähnlich gebildetes Wort wie „Asyltourismus“ wurde übrigens schon einmal zum Unwort des Jahres gewählt: „Sozialtourismus“ (2013). Damit haben Politiker damals Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer aus Osteuropa gemacht – in Umlauf gebracht wurde es von Staatssekretär Günter Krings (CDU) aus dem Bundesinnenministerium.

Eure Ideen?

Ich bin gespannt, ob ich mit meinen Prognosen richtig liege. Ob aus meiner Liste an Wörtern des Jahres eines oder mehrere auch von der GfDS gekürt werden. Und ob ich beim Unwort den richtigen Riecher hatte. Was denkt ihr, welche Wörter und Unwörter dieses Jahres gekürt werden? Habt ihr andere Vorschläge und Ideen?

 

Über Andrea Finkel

Die Komma-Queen: begeistert sich für alles, was mit Sprache zu tun hat – auch Grammatik und Rechtschreibung. Komplexe Themen wecken ihren Ehrgeiz.

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Am 16. November 2018
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