Deadline. Wie man besser schreibt.

Fachliches, Sprachliches Kommentare (2)

Warum mir Constantin Seibt bisher nicht bewusst begegnet ist, weiß der Henker. Und das trotz der zahlreichen Schweizer Follower, die mir immer wieder Lesenswertes in meine Twitter-Timeline spülen. Ebenso zufällig wie spontan hatte ich vor einer guten Woche im Buchladen um die Ecke zu dem Taschenbuch „Deadline“ gegriffen. Die Sammlung kurzer Beiträge aus dem gleichnamigen Blog schien mir genau das Richtige für den Urlaub zu sein. Volltreffer! Ganze 319 Seiten lang.

„Dieses Buch handelt von allem Ärger, den man als professioneller Schreiber vor dem Computer hat: mit Ideen, Dramaturgie eines Texts, Redigieren und der eigenen Blindheit“, schreibt Seibt im Vorwort. Kein Wunder, dass ich mich auf jeder Seite wieder fand. Selten hatte ich beim Lesen so viele Aha-Erlebnisse. Dabei kommen die Lehrbeispiele so gar nicht belehrend, sondern unterhaltsam daher. Messerscharfe Analyse, geistreiche Argumentation und brillante Sprache statt erhobenem Zeigefinger: Seibt überzeugt, weil er selbst konsequent umsetzt, was er fordert.

Das bringt so herrliche Einsichten und Formulierungen hervor wie:

„Beim Schreiben ist der offizielle Anlass fast nichts. Aber was man daraus macht, fast alles.“

„Das Schreiben eines Textes ist ein Massaker an all seinen Varianten.“

„Das Ekelhafte am Schreiben ist, dass es dauernd Entscheidungen verlangt. Jedes Wort, jeder Satz könnte anders sein. Alles verdrängt, sobald hingeschrieben, Tausende von Möglichkeiten.“

„Stil ist Geste gewordener Konservatismus.“

„Magie beim Schreiben entsteht immer dann, wenn die Sprache das Maximum ihrer Möglichkeiten ausreizt. Als Gegenwelt zur Realität. Und als ihr genauester Ausdruck.“

Wer Seibt gelesen hat, wird in seinen Texten künftig zielsicher nach Schwurbel fahnden, Wie-Vergleiche konstruieren und Ratteninseln bauen. Er wird neugierig darauf sein, sich an ungewohnten Genres zu versuchen. Er wird darin bestärkt sein, aus der Routine auszubrechen, kühner zu formulieren und selbstbewusst eine eigene Haltung einzunehmen – kurz: einen Stil zu finden. Der Autor beherrscht das wie ein Chamäleon, das unerkannt über ein Gemälde von Henri Matisse tappt. Immerhin imitiert er Goethe und Brecht so gut, dass sich selbst Profis hinters Licht führen lassen.

Seibt ist ein Querdenker. Seine zentrale Frage lautet: „Wie wäre es, wenn wir es ganz anders machten?“ Dass er in einer Rede vor den Aktionären der Basler Zeitung deren Anti-Mainstream-Konzept schonungslos auseinandernimmt, ist da nur konsequent. Am Modell des Fernsehsenders HBO tastet er sich an ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell für die Zeitung von morgen heran. Freilich ohne dafür ein Patentrezept zu haben. Muss er als Journalist auch nicht: „Wir sind nur offiziell im Informationsbusiness tätig. In Wahrheit sind wir im Zeitverschwendungsgeschäft. Unsere heilige Pflicht ist dieselbe, die auch verwandte Kaffeehausberufe wie Philosophie oder Literatur kennen: das Leben möglichst aufregend mit der Betrachtung desselben zu verbringen.“

Ich hatte beim Lesen nicht eine Minute lang das Gefühl, Zeit zu verschwenden. Im Gegenteil: Ich habe von dem von Seibt beschriebenen Konzept der komprimierten Zeit profitiert. „Das Konzept von komprimierter Zeit ist auch der Grund, warum Leute gern lesen: Sie machen ein blendendes Geschäft. In einer Minute haben sie eine Stunde fremde Denkarbeit gewonnen“

Meine Empfehlung: Wartet nicht ebenso lang wie ich, wenn ihr Constantin Seibt noch nicht begegnet seid. Kauft das Buch, abonniert seinen Blog und vor allem: fahrt Achterbahn! Denn wer könnte dieser Einladung schon widerstehen: „Lesen ist ein ähnliches Vergnügen wie Achterbahnfahren: Man gleitet auf Schienen voran, und plötzlich geht es rund. Auf Vergnügen hat noch kein Mensch verzichtet, in dem noch ein Hauch von Kind lebt.“

Constantin Seibt: Deadline. Wie man besser schreibt. Kein & Aber, Zürich, Berlin: 2013/2014. 319 Seiten. ISBN 987-3-0369-5922-1

Constantin Seibt auf Twitter: @ConstSeibt

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 3. September 2014
Von
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2 Antworten auf "Deadline. Wie man besser schreibt."

  1. Hannes sagt:

    Hallo Sandra,

    wie sieht es mit der Fortführung der
    München Venedig Wanderung aus?

    War da was oder kommt da noch was?

    Gruß Hannes

  2. Sandra sagt:

    Hallo Hannes,

    gefühlt nehme ich in diesem Jahr deutlich mehr tödliche Bergunfälle in der Medienberichterstattung wahr als früher. Mag daran liegen, dass ich bewusster darauf achte. Oder daran, dass immer mehr Leute ohne Bergerfahrung unterwegs sind. Jedenfalls mochte sich bei mir keine unbekümmerte Vorfreude auf das Alleine-Weiterwandern Richtung Venedig einstellen. Deshalb bleibt es dieses Jahr bei Tages- und Wochenendtouren im Allgäu. Venedig hab ich dann für kommendes Jahr wieder auf dem Plan. Einstieg dann ab Innsbruck.

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