Vince Ebert in Augsburg

„Schrammen sind sexy, Angstschweiß nicht.“

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Wissenschaft als Kabarett verpackt – so machen physikalische Zusammenhänge sogar mir Spaß, obwohl ich in der Schulzeit kaum ein Fach so sehr hasste wie Physik. Was jedoch der Physiker und Kabarettist Vince Ebert in seinem Vortrag „Zufällig erfolgreich“ zum Besten gab, war äußerst interessant, spannend und sehr unterhaltsam. Er hatte meine volle Aufmerksamkeit, und die eineinhalb Stunden vergingen wie im Flug. Ich habe viel gelacht und viel gelernt. Warum konnten damals meine Physiklehrer die Lerninhalte nicht so spannend präsentieren? Mich für das Fach begeistern? Vielleicht hätte ich dann sogar Physik studiert, irgendetwas Großartiges entdeckt und den Nobelpreis bekommen.

Der Zufall wollte es anders. Und genau das war das Thema des Abends: Welchen Einfluss hat der Zufall auf Erfolg und Misserfolg? Wie groß die Rolle des Zufalls ist, zeigte Ebert an zahlreichen Erfolgsgeschichten: Erfindungen wie das Porzellan, Tesafilm oder Viagra wurden nur zufällig entdeckt. Eigentlich war man auf der Suche nach etwas ganz anderem. Für dieses Phänomen liefert Ebert auch den Fachbegriff: Serendipity – die zufällige Beobachtung von etwas Nützlichem, nach dem man nie gesucht hat. Auch das Penicillin wurde zufällig entdeckt – von Alexander Fleming. Schon dass er als armer Bauernsohn überhaupt studieren konnte, verdankte er einem Zufall: Sein Vater rettete einige Jahre früher ein Kind, das in einen Teich fiel, vor dem Ertrinken. Dieses Kind hieß Winston Churchill. Zum Dank hat Churchills Vater dem Bauernsohn das Medizinstudium finanziert.

Marktwirtschaft und Evolution sind wesensgleich

Mich hat Ebert überzeugt. Ich glaubte zwar schon zuvor, dass vieles vom Zufall abhängt, aber das Ausmaß war mir bisher nicht bewusst. So lernte ich, dass selbst das erfolgreichste System unseres Universums – die Evolution – sich auf das Prinzip des Zufalls stützt. Trial and Error entscheiden, welche Arten sich durchsetzen. Effizienz ist dabei nicht so wichtig wie Flexibilität. Wer überleben will, muss flexibel sein. Daran scheiterte der Tyrannosaurus Rex: Er war zwar hocheffizient (als Tötungsmaschine), ausgestorben ist er trotzdem – weil er unflexibel war. Ähnlich funktioniert dies laut Ebert in der Marktwirtschaft, die wie die Evolution ein komplexes System ist und als solches keinem übergeordneten Masterplan unterliegt. Nicht die effizientesten Unternehmen sind die stabilsten, sondern diejenigen, die aufgeschlossen für Neues sind.

Keine Angst vor Fehlern

Wer sich ein Erfolgsrezept von Ebert erhoffte, wurde enttäuscht. Er hat auch keins, außer zu Risikobereitschaft aufzurufen: „Wer erfolgreich sein will, muss auch bereit sein, Fehler zu machen. Denn Fehler sind der Quell und Motor jeden Fortschritts.“ Und so nehme ich mir seine Appelle zu Herzen: keine Angst vor Fehler haben, mich nicht entmutigen lassen, wenn ich scheitere, und mich bewusst auf Zufälle einlassen. Denn zugegeben: Ich gehöre auch eher der Fraktion an, die möglichst keine Fehler machen will. Weil Fehlermachen in unserer Gesellschaft eben mit Versagen gleichgesetzt wird.

Mein Vorsatz fürs neue Jahr lautet also: Ich will mutig sein und mir ein paar Schrammen holen. Denn „Schrammen sind sexy, Angstschweiß dagegen nie“. Ja, und ich will den „Freak in mir rauslassen“ und etwas Verrücktes tun, wie „einem Gewerkschafter einen FDP-Kugelschreiber schenken“ oder „die Zähne morgens mit Elmex und abends mit Aronal putzen“. Nur einen Ratschlag werde ich (vorerst) nicht beherzigen: „Wenn Sie Ihren Job nicht mögen, kündigen Sie“. Denn erstens mag ich ihn (meistens) und zweitens hoffe ich, dass der Nachsatz „Vielleicht wäre Ihr Unternehmen ohne Sie eh besser dran“ in meinem Fall nicht zutrifft! Obwohl – vielleicht wäre das eine gute Gelegenheit, ein Physikstudium nachzuholen und doch noch den Nobelpreis zu gewinnen?

Über Andrea Finkel

Die Komma-Queen: begeistert sich für alles, was mit Sprache zu tun hat – auch Grammatik und Rechtschreibung. Komplexe Themen wecken ihren Ehrgeiz.

» candid on tour » „Schrammen sind sexy, Angstschweiß nicht.“
Am 17. November 2014
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2 Antworten auf "„Schrammen sind sexy, Angstschweiß nicht.“"

  1. Sandra sagt:

    Liebe Andrea, gut zu lesen, dass Du Deinen Job magst (meistens). Und in Deiner Hoffnung kann ich Dich bestätigen: Wir möchten hier bei candid nicht auf Dich verzichten! Darüber hinaus: Sei ruhig mutig. Für den Notfall halte ich Pflaster parat 😉

  2. Andrea sagt:

    Puh, na dann bin ich ja beruhigt! 😉

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