Roboterjournalismus: Wenn Roboter Texte schreiben

Fachliches Kommentare (3)

Sie kochen Spaghetti. Sie ordnen Tabletts in Speisewagen. Sie checken Hotelgäste ein und bringen das Gepäck auf die jeweiligen Zimmer. Und jetzt schreiben sie auch noch Texte. Roboter. Allgegenwärtig und aus vielen Branchen nicht mehr wegzudenken. Laut der im Juli veröffentlichten Zahlen der Federation of Robotics (IFR) wird sich an diesem Trend auch nichts ändern und wir dürfen in den kommenden zwei Jahren mit weiterem Wachstum rechnen. Aber können die „Dinger“ auch wirklich Texte verfassen?

Auf zack…

Roboterjournalismus_2_2015-09-03Los Angeles. 17. März 2014. Montagmorgen. Die Erde bebt. Nur wenige Minuten später können die aus dem Schlaf gerüttelten Bewohner die Informationen über das Beben online nachlesen. Wie das funktioniert? Saß der Journalist etwa gerade vor seinem Rechner, als es passierte? Nein, auf zack war hier nicht der Mensch, sondern der Roboter. Oder richtiger: ein Algorithmus, den der Journalist Ken Schwencke entwickelt hatte. Die Software namens Quakebot veröffentlichte innerhalb von nur drei Minuten eine kurze Meldung mit Hinweisen zu Stärke, Uhrzeit und Epizentrum des Bebens. Der Mehrheit der Leser dürfte der Unterschied zu einer gewöhnlichen Meldung gar nicht aufgefallen sein. Einzig der Vermerk am Ende „this post was created by an algorithm…“ verriet den wahren Schreiberling. Quakebot wurde durch einen Alarm des U.S. Geological Survey alarmiert, welches bei einem Erdbeben ab einer bestimmten Stärke anschlägt. Die Software wurde so programmiert, dass sie sich bestimmte Informationen von der Seite des Instituts zieht und diese dann in eine vorgefertigte Mustervorlage einfügt. Schwencke hatte also nur noch die Aufgabe, den Beitrag zu veröffentlichen und über die sozialen Netzwerke wie Twitter zu teilen. Tadaaaa … das ist also der ganze Trick dahinter, warum die LA Times weitaus schneller berichten konnte als die restlichen Medien.

Menschen vs. Roboter: Die Angst vor dem Unbekannten

Veränderung schürt zunächst einmal Angst und Unbehagen. Ein natürlicher Instinkt, der uns von Geburt an gegeben ist. „Kann eine Maschine genauso gute Texte verfassen wie ein Mensch“ oder „Ist mein Job in Gefahr“ sind eine der ersten Fragen, über die man unwillkürlich bei diesem Thema stolpert. Software-Programme wie Quakebot werden allerdings nur bei standardisierten Berichten wie bei Fußball- oder Wetternews eingesetzt. Es handelt sich dabei um einen einfachen Datenjournalismus. Keine Angst, liebe Journalisten: Ein Interview führen und anschließend eine Reportage mit Zitaten verfassen, das kann die Software nicht. Zumindest noch nicht. Was in den kommenden Jahrzehnten noch kommen mag, bleibt abzuwarten. Die Meinungen zum Roboterjournalismus divergieren stark wie NDR berichtet: Journalist Hans-Jürgen Jakobs vom Handelsblatt steht dem ganzen eher kritisch gegenüber und sieht keine Gefahr für den Menschen durch den Roboter, da der Journalismus vom Bruch und Exzess lebe. Geschäftsführer der Firma Aexea, Saim Alkan hingegen glaubt an sein Produkt, denn für ungefähr 50 Prozent der Inhalte, die heute in einer Tageszeitung stünden, gäbe es bereits heute strukturierte Daten.
Ich sehe der Entwicklung eher gelassen entgegen. Denn ich denke, unsere Kunden wissen die Kreativität, die meine Kolleginnen und ich in unsere Texte stecken, durchaus zu schätzen. Aber schon eine lustige Vorstellung, dass ein Roboter meine Anwenderberichte über Roboter schreibt. Ob er da eine objektive Haltung einnehmen könnte, wage ich ja zu bezweifeln! 🙂 Was ist eure Meinung? Mensch oder Roboter? Wer wird das Rennen am Ende für sich entscheiden?

Über Jasmin La Marca

Die Augs(ch)burgerin mit italienischem Migrationshintergrund liebt es, Texte fürs Netz zu schreiben. Bloggen, skypen, twittern und natürlich facebooken: Social Media – *thumbs up* --> gefällt mir

» Fachliches » Roboterjournalismus: Wenn Roboter Texte schreiben
Am 3. September 2015
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3 Antworten auf "Roboterjournalismus: Wenn Roboter Texte schreiben"

  1. Markus Meier sagt:

    Die Formel ist ganz einfach: Roboter für standardisierte und immer wiederkehrende Aufgaben mit einer hohen repetitiven Genauigkeit zur Entlastung des Menschen. Dieser hat dann ausreichend Kapazitäten (Zeit, Energie, ..), um sich individuellen und speziellen Aufgaben zu widmen. Wie z.B. dem Verfassen von Anwenderberichten oder spannenden Texten und Reportagen.
    Also, liebe Candids – Keine Angst und weiter so 🙂

  2. saim alkan sagt:

    hallo jasmin, hallo markus,

    ich stimme markus zu 100% zu.

    in der zukunft: mensch und maschine ergänzen sich und der mensch wird in der redaktionellen arbeit die maschinen anleiten.

    auch wenn die wachsende menge an strukturierten daten immer neue textformen ermöglichen. bestimmt der redakteur die richtung.

    ein wichtiger aspekt sei dem artikel zugefügt. wir generieren texte derzeit in 12 sprachen. so sind wir in der lage an einem samstag wenige sekunden nach abpfiff fussballtexte in chinesischer sprache zu publizieren.

    das schafft für redaktionen und verlage möglichweise neue leser und mehr reichweite und ist sicher auch ein aspekt meiner arbeit.

  3. Sandra sagt:

    Auch standardisierte Finanzberichte (zum Beispiel Quartalsberichte) werden schon automatisiert verarbeitet. Associated Press nutzt dafür schon eine Weile das Software-Tool Wordsmith. Eine spannende Entwicklung. Frage mich, wie es mit der Haftung aussieht, wenn so ein Robotertext falsche Inhalte verbreitet, Investoren daraufhin an der Börse handeln und Kapital verlieren. Wobei der professionelle Wertpapierhandel ja auch schon von algorhythmus-gesteuerten Systemen bestimmt wird. Klagen dann Roboter gegen Roboter? 😉

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