Reklamekönig wird 200 Jahre alt

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Im Volksmund war er der Säulenheilige, posthum wurde er zum Reklamekönig ernannt: Heute vor 200 Jahren wurde Ernst Litfaß geboren. Oft wird er als Erfinder der Litfaßsäule bezeichnet. Dabei gab es ähnliche Säulen schon früher in London und Paris. Litfaß hat sich davon inspirieren lassen und führte vor gut 160 Jahren in Berlin sogenannte Annoncier-Säulen ein.

Litfaß (1816 – 1874) war Sohn einer Berliner Verlegerfamilie. Neben seinem Beruf als Buchhändler und Drucker widmete er sich auch der Schauspielerei und gründete ein Theater. Berühmt wurde er jedoch durch die Anschlagsäulen, die er 1855 in Berlin einführte – angeblich, weil ihn das wilde Plakatieren an Häuserwänden störte. Dabei ging es ihm wohl mehr ums Geschäft. Denn er sicherte sich das Monopol für die Plakatierung an eben diesen Säulen in Berlin – dank seiner guten Beziehungen zum damaligen Polizeipräsidenten. 100 Säulen ließ er damals aufstellen. Öffentliche Mitteilungen der Stadt wurden kostenlos ausgehängt, das Anbringen von privaten oder gewerblichen Anzeigen ließ sich Litfaß jedoch bezahlen. Und sicherte sich so geschickt Werbeetats, wie man heute wohl sagen würde.

Wer hat’s erfunden?

Die Inspiration für seine Reklameträger bekam Litfaß auf seinen Reisen in andere europäische Metropolen. In Paris gab es angeblich schon seit 1842 gemauerte Anschlagsäulen. Wie sie damals wohl hießen? Heute heißt der runde Werbeträger in Frankreich „colonne Morris“, benannt nach dem französischen Drucker Gabriel Morris. Der sicherte sich jedoch erst 1868 die Werbekonzession für die Pariser Säulen. Der eigentliche Erfinder solcher Säulen ist jedoch der Brite George Samuel Harris. Er hatte das Patent für seine achteckige Plakatsäule bereits 1824 in London angemeldet. Auf Englisch müsste die Litfaßsäule demnach „Harris column“ heißen, aber auch in Großbritannien verwendet man die Bezeichnung „Morris column“.

Nach Litfaß‘ Tod wurden nach dem Berliner Vorbild in ganz Deutschland Litfaßsäulen aufgestellt. Noch heute dienen sie als beliebte Außenwerbeträger – aktuell sollen es rund 50.000 sein. Allein in Berlin gibt es laut dem Werbevermarkter Draussenwerber heute mehr als 3.000 Litfaßsäulen.

Litfaßsäule als Fluchtweg und Toilette

Und was verbirgt sich eigentlich im Inneren der Litfaßsäule? Meist nichts außer der Träger, aber es gibt auch begehbare Exemplare: In Wien gibt es vier Litfaßsäulen mit einem Zugang zur Kanalisation. Im Film „Der Dritte Mann“ nutzt Orson Welles auf der Flucht eine dieser Säulen als Einstieg in die Wiener Unterwelt. In einem DDR-Kinderfilm findet Moritz, ein kleiner Junge, der von zuhause ausgerissen ist, Unterschlupf in einer Litfaßsäule. Und in der Nürnberger Altstadt wurde 2015 die erste Litfaßsäulen-Toilette Bayerns eröffnet. Es gab zu viele Wildpinkler … schön, dass wildes Plakatieren und wildes Pinkeln nun mit einem einzigen Stadtmöbel in den Griff zu bekommen ist.

Wie sieht die Zukunft des alten Werbeträgers aus?

„Litfaßsäulen stehen vor dem Aus“ titelte Die Glocke letztes Jahr in den Beckumer Lokalnachrichten. Der Grund: fehlende Auslastung bei den 26 Säulen in der Stadt und herabfallende Plakate bei Regen, was zu Verschmutzung der umliegenden Flächen führe. Dagegen scheinen die Reutlinger runde Reklame zu lieben. Wohl auch deshalb, weil sie ein günstiges Werbemedium sind, besonders für kulturelle Veranstaltungen. Laut Bild-Zeitung stirbt die Litfaßsäule nicht aus. Einer Sprecherin des Fachverbandes Außenwerbung zufolge sei sie gerade durch die zunehmende Mobilität ein gefragtes Außenwerbemedium, weil vieles, was früher „indoor“ passierte (feste Fernsehzeiten und heimischer PC), sich durch Internet und Smartphone nun nach draußen verlagere. Nur blöd, wenn die Menschen da draußen dann nur noch auf ihr Smartphone starren – dann sehen sie auch keine Werbung an Litfaßsäulen. Ob schon mal ein ambitionierter Smartphone-Nutzer gegen eine Litfaßsäule gelaufen ist und erst durch den Zusammenstoß auf die Werbung aufmerksam wurde? Vielleicht sollte man Litfaßsäulen polstern – zum Schutz vor solchen Unfällen – ähnlich wie dies in der Brick Lane in London im Jahr 2008 mit Laternenmasten gemacht wurde. 😉

„Augen auf beim Sneakerkauf“

Dass man in Smartphone-Zeiten auch potenzielle Werbekunden anders ansprechen muss, um sie für traditionelle Außenwerbeträger zu gewinnen, haben die Draussenwerber erkannt. Sie preisen die Werbung auf Litfaßsäulen als revolutionäre Entwicklung an, die zu 100 % mit gängigen menschlichen Betriebssystemen und optischen Sehorganen kompatibel sei.

Litfaßsaeule_Augsburg_Pfersee

Eine von sieben Litfaßsäulen, an denen ich auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag vorbeiradle – ohne sie bewusst wahrzunehmen.

Meine optischen Sehorgane sind ja darauf trainiert, Werbung so gut wie möglich auszublenden, egal ob gedruckt oder online, ob drinnen oder draußen. Bei der Recherche zu diesem Blogpost (und fürs Foto dazu) ging ich zum ersten Mal bewusst auf der Suche nach einer Litfaßsäule durch Augsburg. Ich war überrascht, wie schnell ich fündig wurde. Ein besonders sehenswertes Exemplar habe ich jedoch nicht entdeckt. Kennt ihr eins? Gerne könnt ihr uns Fotos schicken!

Über Andrea Finkel

Die Komma-Queen: begeistert sich für alles, was mit Sprache zu tun hat – auch Grammatik und Rechtschreibung. Komplexe Themen wecken ihren Ehrgeiz.

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Am 11. Februar 2016
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2 Antworten auf "Reklamekönig wird 200 Jahre alt"

  1. Ulrich Pfaffenberger sagt:

    Darf ich noch zwei Kleinigkeiten ergänzen?

    Erfreulicherweise hat die Litfaß-Säule dank Eigennamens in der Bezeichnung die Rechtschreibreform unbeschadet überstanden. Man denke nur: Litfasssäule!

    Die Deutsche Post bringt heute eine Briefmarke zu Ehren von Litfaß heraus. Passenderweise in „nassklebend“,
    https://philatelie.deutschepost.de/Businessbereich/Briefmarken/Nassklebend/Neue-Portowerte-2016/200-Geburtstag-Ernst-Litfass.html

  2. Andrea sagt:

    Vielen Dank für die Ergänzungen!
    Sonderbriefmarken (allerdings zur Säule selbst), gab es ja schon früher: 1979 und 2005 (zum 25. und zum 150. Geburtstag der Litfaßsäule, siehe: http://www.catawiki.de/catalog/briefmarken/personenthemen/2373103-litfass-ernst-theodor-amadeus-1816-1874). Jetzt also auch endlich eine für den Namensgeber.

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