Quizshow versus Kinderarmut: Über den Wert einer Nachricht

Fachliches Kommentare (4)

Selten kam mein Kreislauf so schnell in Schwung wie heute Morgen. Noch im Bett warf ich einen schnellen Blick auf meine Facebook-Timeline. Das scheinbar wichtigste Thema: Gestern Abend scheidet eine Kandidatin mit einer falschen Antwort auf die erste Frage aus der RTL-Quizshow „Wer wird Millionär?“ aus und geht mit leeren Händen nach Hause. Das sei in der 15-jährigen Geschichte der Sendung noch nie vorgekommen, sagt der Sender. Wenn das mal keine Nachricht ist.

Die Medien jedenfalls stürzen sich drauf. In den Kommentaren und auf Twitter machen Witze über Blondinen und Modedesign-Studentinnen die Runde. Spott und Häme ergießen sich über die Kandidatin. Zugegeben: Die Scherzfrage hätte ich – wie viele – mit links beantwortet. Zuhause am Küchentisch oder auf dem bequemen Sofa. Doch unter dem grellen Licht der Scheinwerfer, vor laufender Kamera und mit dem Wissen, dass ein Millionenpublikum zusieht? Ich weiß nicht, was das Lampenfieber in so einer Situation mit mir machen würde. Verständnis für den Blackout der Kandidatin äußern nur wenige.
Meine Sympathie hat sie jedenfalls. Und Respekt dafür, wie sie sich mit erhobenem Kopf aus der Sendung verabschiedet. Zum schnellen Aus wird sie mit den Worten zitiert: „Schnell, aber schön und ich bin um eine Erfahrung reicher.“ Gut so, denn wie heißt es so schön: hinfallen, aufstehen, Krone rücken, weitergehen.
Zum Frühstück schaltete ich das Lokalradio an. Auch hier wird über den Vorfall berichtet. In den Nachrichten! Ernsthaft? Es folgt eine Meldung zur Kinderarmut: Jedes vierte Kind in Augsburg wächst in Armut auf – das ist trauriger Rekord in Bayern. Und hat offensichtlich einen geringeren Nachrichtenwert als die verpasste 50-Euro-Frage der Rateshow. Spätestens jetzt war mein Puls auf 180.

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 16. Juni 2015
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4 Antworten auf "Quizshow versus Kinderarmut: Über den Wert einer Nachricht"

  1. Andrea sagt:

    Genau das habe ich eben auch gedacht. Danke für diesen Blogpost.

  2. Markus sagt:

    Menschen, Tiere, Sensationen…. und der Mob.
    Da fällt mir dieser Artikel dazu ein:
    http://www.welt.de/vermischtes/article142552990/Der-Professor-ein-Scherz-und-der-Mob.html

  3. Daniel sagt:

    Mein Eindruck ist, dass sich gerade unsere Lokalsender bei ihren „Welt-„Nachrichten oft nur von der Titelseite der Bild bedienen.
    Ist die Schnittmenge Bild-Zielgruppe / Lokalradio-Zielgruppe echt so groß, dass man so etwas macht? Dein Blogpost zeigt, das geht nicht für alle Hörer auf.

  4. Sandra sagt:

    @Daniel Dein Eindruck stimmt wohl und die Diskussion, die ich auf Twitter dazu geführt habe, bestärkt mich darin. Schlimm: Denn auch wenn ein privater Hörfunksender keinen offiziellen Bildungsauftrag hat und mit gutem Recht auf Unterhaltung setzt, muss man sich doch fragen, wohin es eine Gesellschaft führt, die solchen Quatsch als „Weltnachricht“ präsentiert bekommt.

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