Richard Gutjahr, Copyright Mathias Vietmeier

So will Gutjahr den Journalismus retten

Augschburg, Fachliches Kommentare (2)

Richard Gutjahr sprach beim Augsburger Presseclub über die Zukunft des Journalismus und der Medien. Seine Thesen sind auch für die PR interessant.

Wenn sich sogar Pressesprecher um die Journalistenzunft sorgen, dann muss die Lage ernst sein. Sehr ernst sogar. Sagt Richard Gutjahr. Der Journalist, Blogger, Moderator und Vordenker der Medienbranche war Gast beim Augsburger Presseclub. Es ging um die Zukunft der Medien, um die Perspektiven des Journalismus. Und am Ende auch um die Frage, welche Rolle Journalisten künftig überhaupt noch spielen.

Für Richard Gutjahr ist die Sache klar: Wer so weiter macht wie bisher, hat verloren. „Stillstand ist keine Option“, sagte er im Presseclub. „Wenn wir unsere Hausaufgaben nicht machen“, – wir, die Journalisten – „ist in fünf Jahren definitiv Schluss.“ Gutjahr spricht vom Jahr 2020, wenn der nächste Mobilfunkstandard kommt, wenn uns dank hoher Bandbreiten die digitalen Inhalte nur so um die Ohren fliegen werden. Dann, so seine These, wird der Journalismus, den wir heute kennen, ausgedient haben.

Im Presseclub prallen Welten aufeinander

Gut zwei Stunden Zeit nahm sich Gutjahr für seine Bestandsaufnahme, für seinen Blick in die Zukunft des Journalismus. Er lieferte prägnante Thesen, mal düster-defätistisch, mal wachrüttelnd, mal hoffnungsvoll. Und immer passend für 140-Zeichen-Tweets. Und während etliche Teilnehmer der Veranstaltung im Medienzentrum der Augsburger Allgemeinen Gutjahrs Botschaften bereits hinaus in die digitale Welt zwitscherten und das Netz via Periscope in Livebildern teilhaben ließ, schien es, als frage sich manch gestandener Journalist, wo er dieses Snapchat oder Instagram eigentlich kaufen könne.

Es prallten Welten aufeinander: die der digitalen Generation, für die soziale Netzwerke längst zur wichtigsten Informationsquelle geworden sind, die mitschwimmen und mitmischen. Und die der alten Garde, die sich zwischen Hashtags und Postings ziemlich verloren fühlen. Die Moderatoren Sandra Strüwing von candid communications undimage_klein Vorstandsmitglied im Presseclub Augburg sowie Sascha Borowski, Leiter Digitales bei der Augsburger Allgemeinen, versuchten, beide Welten zusammenzuführen.

Ob Gutjahr seinen Kindern heute noch empfehlen würde, Journalist zu werden, wollte Sandra Strüwing wissen. Die Antwort ließ auf sich warten: „ähm….“. Bei Gutjahrs ältester Tochter, 21, ist es ohnehin zu spät. Sie will in die PR. Und bei anderen Berufseinsteigern? „Wenn man die Mühe scheut, sich ständig weiterzuentwickeln, den Job neu zu erfinden – dann sollte man es nicht machen“, sagte Gutjahr. Doch genau diese Fähigkeiten vermisse er bereits in der heutigen Journalistengeneration. Es fehlten nicht nur Strategien, wie man mit der Digitalisierung umgehe, es fehle auch die Neugier. Die Neugier, die Möglichkeiten des Internets auszuprobieren. „Das Internet ist nicht böse, es ist nicht gut, es ist einfach da“, sagte Gutjahr. Also: anmelden, ausprobieren. „Wir müssen diese Technik, diese Kultur leben. Da haben wir Nachholbedarf.“ Es reicht eben nicht mehr, gut zu recherchieren und zu schreiben. Es über die richtigen Kanäle an die Zielgruppe zu bringen, sei entscheidend, so Gutjahr.

Schlangestehen machte ihn bekannt

Der Journalist, Jahrgang 1973, hat selbst viel ausprobiert. Der gelernte Redakteur – klassische Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule, Studium an der LMU, Veröffentlichungen in der Süddeutschen und der FAZ, Engagements beim BR – bloggt, twittert und snapchattet. Als er 2010 23 Stunden vor dem New Yorker Apple-Store für das erste Ipad Schlange stand und dies auf seinem Blog dokumentierte, wurde er weltweit bekannt. Er reiste während der Revolution nach Kairo und berichtete aus Syrien. Kürzlich wurde er zum Blogger des Jahres in der Kategorie Snapchat gewählt.

Was können wir also von ihm lernen? Was müssen Journalisten tun, um sich künftig nicht überflüssig zu machen? Gutjahr warnte im Presseclub vor einer Entwicklung, die sich schon heute abzeichne. Akteure wie Unternehmen oder Sportvereine nutzen die sozialen Netzwerke, um direkt mit ihrer Zielgruppe zu kommunizieren – an den Medien vorbei. Und diese Akteure rüsten immer weiter auf, sagte Gutjahr: „Wenn die besser werden als wir, dann mag man das verteufeln, aber wir werden nicht gefragt, die lassen uns einfach stehen.“ Also: mitmachen, noch besser sein. Allein Exzellenz könne den Journalismus retten. „Sei der Erste oder der Beste“, betonte Gutjahr. Das galt früher, das gilt heute umso mehr.

Journalisten verdienen besser als je zuvor

Das Problem: Beim Versuch, der immer schnelleren technischen Entwicklung hinterher zu hecheln, hätten sich viele Journalisten im Mittelmaß verloren. Selbst Pressesprecher klagten, so berichtete Gutjahr, dass Redakteure heute nicht einmal mehr anriefen und nachrecherchierten. Doch genau darauf käme es an: nicht nur replizieren, was andere tun, Pressemitteilungen mit Copy and Paste ins Blatt hieven. Es braucht eigene Geschichten, eigene Recherchen. Wer dabei den Nerv der User/Leser/Zuschauer/Zuhörer treffen will, benötigt laut Gutjahr „digitale Empathie“, das Gespür, im Netz auf neue Themen zu stoßen, Meinungen und Empfindungen im Wirrwarr all der Facebook-Kommentare und Tweets aufzuspüren. Um den einzelnen Journalisten ist Gutjahr dabei aber gar nicht bang, eher um die Verlage. Der Autor selbst könne sich im Netz als Marke präsentieren, als Experte für bestimmte Themen – und damit ordentlich verdienen. „Ein cleverer Journalist kann heute dank Facebook und Twitter besser leben als je zuvor. Er hält die Druckmaschine quasi in den Händen.“ Sie hätten im Wettbewerb mit dem Riesen Facebook längst die Zügel aus den Händen gegeben – Stichwort: Instant Article.

Was also tun? Wer an diesem Abend fertige Konzepte erwartet hatte, wie der Journalismus der Zukunft aussieht, wer Antworten auf die drängendsten Fragen der Zunft – die Monetarisierung ihrer Arbeit, die Sicherung von Qualität – gewartet hatte, der wurde enttäuscht. Wer auf Impulse gehofft hatte, was man besser machen könnte, wie man alte Fehler künftig vermeidet, der bekam sie geliefert. Und am Ende sogar noch ein hoffnungsvolles Statement des Vordenkers: „Das Letzte, was ein Algorithmus ersetzen kann, ist das Zwischenmenschliche.“

Über Monika Schmich

Themen erfassen. Schnell umsetzen. Mit der Zielgruppe im Blick. Journalismus trifft PR.

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Am 28. Januar 2016
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2 Antworten auf "So will Gutjahr den Journalismus retten"

  1. Richard Gutjahr was the only journalist to film the 2016 Nice Lorry Attack hoax, while he and his daughter, Thamina Stoll, filmed the 2016 Munich shooting hoax. https://youtu.be/YhrU42iInKI
    I hope ex Israeli Knesset approves.

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