Plenarsaal Berlin

Polit- und Presse-Tourismus: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“

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Mit dem Augsburger Presseclub unternahm ich vom 5. bis 8. Oktober eine Reise nach Berlin: keine Exklusiv-Fahrt für Journalisten, sondern eine politische Informationsreise, zu der die 631 Bundestagsabgeordneten dreimal im Jahr je 50 Personen aus ihrem Wahlkreis einladen dürfen. Rund 100.000 Bürger werden so Jahr für Jahr durch den Politikbetrieb der Hauptstadt, durch Museen und Gedenkstätten zur neueren deutschen Geschichte geschleust. Auf Kosten des Steuerzahlers: Im Haushalt 2014 veranschlagt das Bundespresseamt dafür ein Budget von 23,6 Millionen Euro.

Rundum-Sorglos-Paket
Als Bayern nehmen wir eine achtstündige Anreise mit dem Bus in Kauf. Dafür werden wir mit einem viertägigen Rundum-Sorglos-Paket verwöhnt. Brandenburger hingegen müssen sich mit einer Eintagesfahrt begnügen. Uns erwartet ein Vier-Sterne-Hotel in Berlin-Mitte, eine versierte Reiseführerin als Dauerbegleitung, Frühstück, Mittag- und Abendessen, sogar ein Lunchpaket während der Busfahrt inklusive. Darben muss hier niemand. Und doch ist offenbar der Hinweis nötig: „In einigen Restaurants stehen Weinflaschen auf dem Tisch. Diese stellen keine Geschenke dar, sondern müssen von den Konsumenten bezahlt werden.“

Dazwischen ein straffes Pflichtprogramm, das Raum lässt für Vergnügen und Erholung. Etwa die Schiffsrundfahrt auf der Spree während des Abendessens.

Besuch im Hohen Haus
Am Montag führt uns der Weg zum Bundesjustizministerium, wo wir über die Organisation und die Aufgaben der Behörde informiert werden und Hintergründe zum Gebäude erfahren. Im Eingangsbereich wird auf die Tagung „MACHT POLITIK SPRACHE … verständlich?“ hingewiesen – klingt spannend! Spannend auch der Ort: Hier befand sich früher das Internationale Pressezentrum der DDR. Auf der legendären Pressekonferenz vom 9. November 1989 trat hier mit den berühmten Worten Günter Schabowskis „Das trifft nach meiner Kenntnis …  ist das sofort, unverzüglich“ die Reisefreiheit für DDR-Bürger in Kraft. Eine Kunstinstallation erinnert daran. Nächste Station: Kurfürstendamm. Es folgt eine Führung durch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dann Freizeit. Während es meine Begleiter in die Feinkostabteilung des Kadewe zieht, besorge ich mir „Das Hohe Haus“ von Roger Willemsen. Seit ich ihn vor zwei Wochen auf dem Kommunikationskongress in Berlin live erleben durfte, steht das Buch auf meiner Leseliste. Ich setze mich auf die Terrasse eines Cafés am Wittenbergplatz und lese die ersten Kapitel – die perfekte Einstimmung für den anschließenden Besuch im Plenarsaal des Bundestages. Auch hier begleitet uns eine ernste Ermahnung: „Bei der Besichtigung des Plenarsaals sind Gefühlsäußerungen untersagt.“ Unser Gastgeber, Dr. Volker Ullrich (CSU), gibt einen kurzen Einblick in den Terminkalender dieser Woche – mit ihm tauschen möchte wohl keiner von uns. Zum Abschluss des Tages spazieren wir die Kuppel des Reichstagsgebäudes hinauf und genießen den erhabenen Blick über Berlin.

Schwere Kost
Der folgende Tag steht im Zeichen der Partei, der wir diesen kostengünstigen Kurz“urlaub“ zu verdanken haben. Morgens ein Informationsgespräch in der CDU-Bundesgeschäftsstelle, abends Essen und Treffen mit „unserem“ Bundestagsabgeordneten in der Bayerischen Landesvertretung.

Spendenautomat

Dazwischen eine Stadtrundfahrt und eine Führung durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, das ehemalige zentrale Untersuchungsgefängnis der Stasi.

Hohenschönhausen

Schwere Kost, zumal wir von einem Zeitzeugen geführt werden, der hier selbst inhaftiert war. Das Wetter passt dazu: Es ist grau und regnet. Zwei Vertreter der Jungen Union erscheinen in Lederhosen und Trachtenjanker, der Rest ist von einer beliebigen Touristenreisegruppe nicht zu unterscheiden. Die Themen heute haben es in sich: Sie reichen von den Foltermethoden der Stasi über die aktuelle Flüchtlingsproblematik und die Terrororganisation ISIS bis hin zu Prostitution und dem Freihandelsabkommen TTIP. Was mir gehörig auf den Magen schlägt, sind das Gedankengut und die Stammtischparolen, die einige der linientreuen Parteimitglieder – vermeintlich unter sich – ungeniert von sich geben. Spätestens jetzt halte ich politische Bildung für unverzichtbar. Leider werde ich den Eindruck nicht los, dass mit dieser Art von „Vergnügungsreise“ loyales Stimmvolk belohnt werden soll. Bevor wir am Tag darauf die Rückreise antreten, spazieren wir – ebenfalls mit kundiger Führung – durch die Gärten von Schloss Sanssouci in Potsdam.

Und die Moral?
Ich haderte während der gesamten Fahrt mit mir. Dienen solche Fahrten tatsächlich der politischen Bildung? Gut: für Schulklassen, Neuwähler und frisch Eingebürgerte. Kostenlos? Warum nicht: für Bedürftige. Von allen anderen Interessierten sollte man eine höhere Selbstbeteiligung fordern. Von uns hat man 30 Euro pro Person eingesammelt, ein bescheidener Eigenanteil für Eintritts- und Trinkgelder. Zusätzlich habe ich einen Zuschlag fürs Einzelzimmer bezahlt. Legt man das Budget des Bundespresseamts auf die rund 100.000 Bürger um, die von diesen Reisen profitieren, so kommen auf jeden von uns 236 Euro. Das ist sparsam gehaushaltet.

Wohl gefühlt habe ich mich dabei trotzdem nicht. Ich kam mir vor wie ein HV-Tourist, der eine einzige Aktie besitzt und als Gegenleistung dafür eine Naturaldividende einfordert (Hauptversammlungsinsider wissen, was ich meine). Womöglich geht es so auch Journalisten auf Pressereise: wohlumsorgt vom einladenden Unternehmen, dem Gewissenskonflikt ausgesetzt, wenn man anschließend kritisch darüber schreiben möchte.

Weil ich mir solch eine Reise selbst leisten kann und ein schlechtes Gewissen dabei hatte, dafür Steuermittel in Anspruch zu nehmen, werde ich den Gegenwert der Reise spenden: und zwar an das Grandhotel Cosmopolis, wo großartige Flüchtlingsarbeit geleistet wird.

 

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 13. Oktober 2014
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4 Antworten auf "Polit- und Presse-Tourismus: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“"

  1. Liebe Sandra,
    Vielen Dank:
    1. für den ehrlich Bericht.
    2. für Deine Moral (ist ja heute eher als uncool verschrieben und braucht deswegen Rückgrad).
    3. natürlich auch für Deine Spende und die damit verbundene Arbeit des Grandhotels. Das Geld tut gut, aber die Anerkennung ist mindestens genau so wertvoll!
    Liebe Grüße
    Sebastian

  2. Peter Richter sagt:

    Hallo Sandra,
    alles richtig was Du schreibst. Als Teilnehmer an der Reise teile Dein Unbehagen. Der Fehler liegt meiner Meinung nach auch im System, wie eingeladen wird. Der Abgeordnete hat ja freie Hand, wen er anspricht. Da liegt es nahe, das es Parteifreunde und Sympathisanten sind. Verständlich, weil sich die Berlin-Fahrt somit einfacher organisieren lässt, weniger Umstände macht, als Neubürger und Schulen anzuschreiben. Um hier neue Wege zu gehen, hielte ich es für gut, wenn Stimmkreisabgeordnete unterschiedlicher Parteien gemeinsam einladen würden.
    Peter

  3. Sandra sagt:

    Guter Ansatz, Peter. Es wäre schon hilfreich, wenn die Abgeordneten aktiver kommunizierten, dass es die Möglichkeit dieser Reisen überhaupt gibt. Ich habe einige gefunden, die dazu ihre Website nutzen. Viele berichten auch erst im Nachhinein darüber. Mit Bild tauchen sie dann auch in den Lokalmedien auf. Dass die Teilnahme prinzipiell allen offen steht und vom Steuerzahler finanziert wird, wird meist nicht erwähnt. Für mich war das auch neu.

  4. […] Haus“ von Roger Willemsen schon vor einer Weile, nämlich unmittelbar nachdem ich im Oktober 2014 mit dem Augsburger Presseclub auf einer politischen Informationsreise in Berlin gewesen war. Dass ich jetzt über das Buch blogge, hat mit der „Wut-Rede“ von Christian Lindner […]

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