Pencilitis

Diagnose „Pencilitis“: Die unbekannte Volkskrankheit

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GASTBEITRAG VON MICHAEL BENČEC

Nein, im folgenden Text geht es nicht um Medizin. Dieser Blogpost handelt vielmehr über sprachliche Fehlleistungen im Alltag. Sie rümpfen die Nase, weil der Satz irgendwie eigenartig klingt? Nun, ich bin mir zu 30 Prozent sicher, dass man das so sagen kann.  Also lasse ich ihn vorsichtshalber so stehen.

So oder so ähnlich stelle ich mir manchmal die Entscheidungsprozesse vor, die sich in den Köpfen meiner Schüler abspielen. Ja, ich bin Deutschlehrer. Und ja, manchmal wundere ich mich über das fehlende Sprachgefühl meiner Schüler im Speziellen, aber – sorry – auch großer Bevölkerungsanteile im Allgemeinen. Doch soll es an dieser Stelle nicht um die rhetorischen Patzer von Menschen gehen, die ohnehin einen eher fehleranfälligen Sprachstil haben. Dies ist kein Beitrag, der darüber dozieren möchte, dass „einzig“ nicht steigerbar ist. Wenn alle Kinder bis auf Paul Masern haben, ist er der EINZIGE, der die Krankheit nicht hat. So gesund kann er gar nicht sein, dass eine Steigerung gerechtfertigt oder gar grammatikalisch korrekt wäre.  Mist, jetzt hab ich doch erklärt. Sorry. Lehrerreflex.

In diesem Text soll es vielmehr um diejenigen gehen, die so etwas eigentlich wissen. Schüler und Erwachsene, die vielleicht sogar den Genitiv benutzen. Jugendliche und Senioren, die womöglich auf einen gewissen Pool an Fremdwörtern zurückgreifen können – deren Bedeutungen sie eventuell zum Großteil kennen. Gehören Sie zu dieser Kategorie? Ich auch. Es gibt viele von uns und wir sind die Risikogruppe. Ohne es zu wissen, stets in Gefahr, einen Pencilitis-Schub zu erleiden.

Der Stift ist das Gift.

„Pencilitis“ brauchen Sie nicht zu googeln. Der Begriff ist eine Wortschöpfung, die sich aus „Pencil“ und der Endung „-itis“ zusammensetzt. Ja, ich weiß, dass diese Endung für „Entzündung“ steht. Wenn Ihnen also „Penzilose“ besser gefällt, bitte.

Die „Krankheit“ hinter diesem Wort bleibt dieselbe: Sobald der Pencilitis-Patient einen Stift in die Hand nimmt, neigt er zu einem unnötig komplizierten Sprachstil. Natürlich gibt es Ausnahmen. Den meisten von uns gelingt es, Einkaufszettel parataktisch zu formulieren, manchmal sogar stichpunktartig. Anders sieht es aus, wenn wir uns schriftlich mitteilen, jemandem etwas erklären oder ihn gar von unserer Meinung überzeugen wollen. Mündlich – alles kein Problem. Wir sprechen ja gutes Deutsch. Aber schriftlich? Da wird es kompliziert.

Schriftlichkeit muss kompliziert sein. Wirklich?

Der Stift in der Hand scheint eine Art Druck zu erzeugen. Was im mündlichen Sprachgebrauch gut genug war, ist es jetzt plötzlich nicht mehr. Dieser Ansatz hat eine gewisse Berechtigung, denn wir unterscheiden ja zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Die Schriftsprache ist ein wichtiges Bildungsgut. Ich als Lehrer und Germanist würde dies niemals abstreiten. Im Lehrplan meiner Schulart kann man lesen, dass der Deutschunterricht die Erweiterung und Vertiefung der sprachlichen Kompetenz anzustreben habe. Tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Dingen, auf die man beim Schreiben sinnvollerweise achten sollte: Verwende ich treffende Adjektive? Schleichen sich umgangssprachliche Formulierungen ein? Vermeide ich Wortwiederholungen? Schreibe ich kohärent? Neige ich zu Bezugsfehlern? Verwende ich die richtigen Ausdrücke? Sind meine Formulierungen grammatikalisch korrekt? Beherrsche ich die indirekte Rede? Wähle ich die korrekte Zeitform? Ist mein Satzbau abwechslungsreich? Alles Fragen, die man sich stellen sollte, die aber oftmals zugunsten einer anderen Überlegung in den Hintergrund treten: Klingen meine Sätze spektakulär genug? Here we go: „Pencilitis“!

Pencilitis-Grafik

Die Symptome sind leicht zu erkennen.

Ein Hauptsymptom der Krankheit sind Mammutsätze. Mammutsätze all over the place. Jungsteinzeit nichts dagegen. Sie ahnen, ich spreche nicht von der gewöhnlichen Hypotaxe und den üblichen Nebensätzen. Ich spreche von einer Nebensatz-Überdosis. Ich spreche vom Nebensatz-Overkill.

Ein anderes, wenn auch selteneres Symptom ist die exorbitante Verwendung von Fremdwörtern. Vom ehrgeizigen Wunsch beseelt, einen Satz mit 16 Wörtern zu schreiben, der 22 Fremdwörter enthält, vergreift sich der ein oder andere dann doch im Vokabular. Nicht selten muss ich dann an den Witz denken, in dem sich zwei Frauen treffen.

„Mein Neuer ist Veterinär“, sagt die eine.
„Ach, war er im Krieg?“
„Nein, er isst kein Fleisch.“

Nicht falsch verstehen: Ich will hier nicht über jemanden lästern, schon gar nicht über meine Schülerinnen und Schüler. Die Verwendung von Mammutsätzen und der inflationäre Gebrauch von Fremdwörtern sind relativ weit verbreitete Phänomene.

„Aber klingt das nicht zu banal?“

Natürlich ist klar, was meine Schülerinnen und Schüler damit bezwecken. Zum einen möchten sie dem Geschriebenen mehr Bedeutung verleihen. Das merke ich immer dann, wenn wir die Aufsätze gemeinsam verbessern und überarbeiten. Kaum ist ein Mammutsatz in zwei kürzere „Bisonsätze“ unterteilt oder ein semioptimales Fremdwort durch einen verständlichen deutschen Begriff ersetzt, kommt nämlich die Frage: „Aber klingt das nicht zu banal?“

Zum anderen geht es ganz sicher auch um Selbstdarstellung. Lange Sätze formulieren und mit Fremdwörtern um sich werfen zu können, scheint zur intellektuellen Selbstbehauptung zu gehören. Der Mammutsatz ist das verbale Statussymbol des Gebildeten. Und weil es in der Schule ja um Bildung geht, will der Deutschaufsatz entsprechend formuliert sein. Bitte nicht!

Pseudowissenschaftlicher Sprachgebrauch? Nein, danke.

Warum viele von uns nicht ganz immun gegen „Pencilitis“ sind, hat sicherlich soziale Gründe. Die Soziolinguistik befasst sich mit dem Sprachgebrauch unterschiedlicher sozialer Schichten. Der britische Soziologe Basil Bernstein hat 1960ern in diesem Zusammenhang die „Defizithypothese“ formuliert. Seiner Annahme zufolge verwenden Angehörige der sozialen Mittel- und Oberschicht einen anderen Sprachstil als die diejenigen, die der sozialen Unterschicht zuzurechnen sind. Erstere verwenden den elaborierten, letztere den restringierten Code. Ja, wir nicken zustimmend und fragen uns eventuell, ob das nicht ohnehin schon immer klar war. Werfen wir aber einen Blick auf die Begriffswahl. Spricht das Wort „Defizithypothese“ nicht Bände?

Und wer möchte schon als defizitär gelten? Was aber ist zu beobachten, wenn wir versuchen, uns als Mitglied der angeseheneren Sprachgemeinschaft zu bestätigen oder zu etablieren? Eine hoffnungslose Überkompensation. Bei dem einen häufiger und mehr, bei dem anderen seltener und weniger. Bei meinen Schülern leider mehr. Und dies resultiert leider häufig in einem pseudowissenschaftlichen Sprachstil, der bestenfalls unverständlich, häufig aber auch fehlerhaft ist.

Ich will dir was erklären. Ich hoffe, du kannst Altgriechisch!

Leser, die wie ich in Augsburg Germanistik studiert haben, werden sich an Prof. Dr. Werner König erinnern. Dieser Linguist hat uns stets mit seinem unerschöpflichen Wissen verblüfft – nicht nur, wenn es um Sprachwissenschaft ging. Aber interessant: Seine Sätze sind schon beim ersten Lesen verständlich. Man musste nicht einmal ein humanistisches Gymnasium besucht und Altgriechisch gelernt haben. Anderes Beispiel: Friedemann Schulz von Thun, den viele von uns wegen seines Kommunikationsmodells kennen. Seine Bücher zu lesen ist die reinste Freude. Und Überraschung: Sie strotzen nicht vor Fremdwörtern und auch nicht vor Mammutsätzen. Warum? Weil er es offensichtlich nicht für nötig erachtet, sich mit einem pseudowissenschaftlichen Sprachstil aufzuplustern.  Ist nicht die mitschwingende Souveränität der Formulierungen dieser Leute ein deutliches Zeichen dafür, dass dies der Sprachcode ist, den wir anstreben sollten?

Was ist schon schön?

Ich kann mir vorstellen, dass man erst einen gewissen Level an Komplexität erreichen muss, um ihn dann zu überwinden und am Ende endlich schön zu schreiben. Keiner sollte kürzere Sätze formulieren, weil er mit längeren überfordert ist. Wenn dies der Grund ist, rate ich dazu, sich vielleicht doch – zumindest übungshalber – mit der Konstruktion des ein oder anderen Mammutsatzes befassen. Nein, kürzere Sätze zu schreiben sollte eine bewusste Entscheidung sein, deren Ziel eine gelungenere Kommunikation ist. Neben der besseren Verständlichkeit möchte ich abschließend auch die Sprachästhetik ins Spiel bringen. Das Schönheitsempfinden kann sich verändern. Möbelstücke, die im Barock beliebt gewesen wären, haben heute eine deutlich kleinere Zielgruppe. Tapeten aus den 1970ern haben zwar einen gewissen Kultstatus, die Wände wollen wir uns damit dennoch nicht mehr bekleben. Rundbögen zwischen Wohn- und Esszimmern werden auch immer seltener. Warum? Weil es einen Trend zur Klarheit gibt. Ich denke, dass man diese Beobachtung auch auf die Sprache übertragen kann. Klarheit hat ihren Reiz. Und wenn sie nicht zu steril ist, ist Klarheit etwas Schönes.

Bei meinen Recherchen zu diesem Blogpost bin ich auf ein interessantes Zitat des französischen Philosophen Joseph Joubert (1754 – 1824) gestoßen:

„Alt musste ich werden, um zu erfahren, was ich wissen wollte, nun müsste ich jung sein, um schön formulieren zu können, was ich weiß.“

Ich unterdrücke jetzt meinen Lehrerreflex und lasse den Satz einfach so stehen.

Über Michael Benčec

Als Lehrer an der FOS/BOS Augsburg absolviert Michael zur Zeit ein Praktikum bei candid und freut sich über die neuen Erfahrungen: „Ich kann hier die sprachlichen Ansprüche und Standards der freien Wirtschaft mit meinen Unterrichtsinhalten vergleichen. Auch sehe ich, wie Profis Botschaften medial erfolgreich verbreiten. Insofern ist dieses Praktikum für meine Fächerkombi – Deutsch/Geschichte – optimal.“

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Am 2. November 2018
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