Daumen hoch, Chef! Wie Arbeitgeber mit Online-Bewertungen umgehen

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Horror-Job oder Top-Arbeitgeber? Jobsuchende, die auf Nummer sicher gehen wollen, können sich auf zahlreichen Online-Bewertungsportalen ein Bild vom potenziellen Arbeitgeber machen. Denn hier wird ganz offen gelästert und gelobt. Allzu oft noch ohne Beteiligung der betroffenen Firmen selbst. Warum eigentlich?

Ein Unternehmen, das bei Glassdoor, Kununu & Co. aktiv mitmischt, ist der Versicherungskonzern Allianz. Personaler Dominik A. Hahn erklärte uns im Gespräch, warum und wie. Wir sprachen mit ihm aber auch über notorische Nörgler und gefährliche Partyplaudereien.

 

Herr Hahn, stellen Sie sich vor, Sie lesen in einem Bewertungsportal über einen Arbeitgeber von Mobbing und „Druck ohne Ende“. Würden Sie sich dann dort bewerben wollen?

Hahn: Natürlich hinterlässt so ein Kommentar keinen positiven Eindruck auf mich als Jobsuchender. Man muss aber berücksichtigen, dass auf solchen Portalen eben auch Leute bewerten, die schlechte Erfahrungen in einem Unternehmen gemacht haben. Insofern ist das Negative tendenziell überrepräsentiert. Aus meiner Erfahrung heraus wissen das die meisten Bewerber und können solche Aussagen gut einordnen.

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Dominik A. Hahn verantwortet bei der Allianz die Themen Mitarbeitergewinnung und Talentbindung. Foto: Allianz

 

Diese Aussagen finden sich bei Kununu über Ihren Arbeitgeber, die Allianz.

Hahn: Wir wissen natürlich um solche Kommentare, da wir die Portale genau screenen und gerade auf solche Äußerungen auch schnell reagieren. Wir nehmen die Aussagen ernst. Aber wir wissen auch, dass die Entscheidung für oder gegen einen Job deutlich komplexer ist als die Entscheidung, ein Produkt zu kaufen oder ein Hotel zu buchen. Deswegen sind solche Bewertungsportale bei der Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber nur ein Baustein von vielen und nicht so entscheidend wie in anderen Branchen.

 

Online-Kommentar statt Party-Talk

Welchen Stellenwert haben die Portale für Sie?

Hahn: Es ist gut, dass es solche Angebote gibt, dass die Menschen die Möglichkeit haben, sich online über einen Arbeitgeber zu äußern, und wir so mit ihnen in den Dialog  treten können. Wenn sie abends bei einer Party 20 Leuten erzählen, wie schrecklich es bei ihnen in der Firma ist, ohne dass das Unternehmen darauf reagieren kann, ist der Imageschaden für das Unternehmen deutlich größer. Denn hier können wir nicht darauf reagieren. Aber der Stellenwert der Portale ist – das zeigen verschiedene Studien – bei Bewerbern doch noch eher gering. Es ist nur ein Puzzleteil von vielen, wenn es darum geht, die Attraktivität eines Arbeitgebers zu beurteilen.

 

Aber Sie haben die Portale immerhin im Blick, wie Sie sagen. Welche sind dabei von besonderer Relevanz für Sie?

Hahn: Global gesehen ist es vor allem Glassdoor. Im deutschsprachigen Raum Kununu. Hier haben die Allianz-Gesellschaften eigene Profile, die sie pflegen. Wir verwenden also monetäre und personelle Ressourcen darauf. Bei den anderen Portalen beschränkt es sich auf Beobachtungen.

 

Damit die Vorstellungen konkreter werden

Fordern Sie von Ihren Mitarbeitern aktiv Bewertungen über die Allianz ein?

Hahn: Nein, das tun wir nicht. Wir überlegen aber, ob wir unsere Werkstudenten bitten sollen, ihr Urteil abzugeben. Wir haben festgestellt, dass viele von ihnen vor ihrem ersten Arbeitstag noch keine konkrete Vorstellung davon haben, wie sie die Allianz als Arbeitgeber einschätzen sollen, die große Mehrheit aber nach Ende des Praktikums oder Werkstudiums sehr positiv von ihrer Zeit bei uns sprechen. Diese Erfahrung könnte auch für andere Kandidaten interessant sein.

 

Das heißt, im Moment nehmen Sie einfach hin, wenn neben einigen Zufriedenen vor allem enttäuschte Ex-Kollegen ihren Frust über die Allianz im Netz abladen?

Hahn: So ist das nun mal im digitalen Zeitalter. Für uns ist der Feedback-Mechanismus der entscheidende Vorteil. Wir können öffentlich auf die Kritik eingehen. Auch wenn wir natürlich zum Einzelfall nichts sagen dürfen und wegen der anonymen Bewertungen oft auch nichts sagen können. Aber wir können ein Gesprächsangebot machen. Dieses Bemühen und unser Entgegenkommen sind für potenzielle Bewerber sichtbar. Diese Reaktion wird positiv bewertet.

 

Reagieren Sie auf jeden Kommentar?

Hahn: Wir haben bei der Allianz keine globale Strategie dazu. Die deutschen und österreichischen Allianz-Kollegen reagieren vor allem auf Negativbewertungen und erkundigen sich nach den Details. Und wir nennen einen Kontakt, über den wir mit dem anonymen Kommentator ins Gespräch kommen wollen.

 

Meldet sich da jemand?

Hahn: Die Bewerber und Mitarbeiter, die mit der Allianz schlechte Erfahrungen gemacht haben und an einer echten Problemlösung interessiert sind, melden sich meist von vornherein über andere Kanäle: über unser Kontaktformular oder direkt per E-Mail. Auf den Bewertungsportalen scheinen sich viele in erster Linie für eine schlechte Erfahrung mit einem Negativkommentar Luft verschaffen zu wollen. Das ist durchaus legitim. Das Interesse an einem klärenden Gespräch ist hier aber eher gering.

 

Mitarbeiter beobachten kontinuierlich

Wie behalten Sie im Blick, auf welchem Portal gerade über die Allianz gesprochen wird?

Hahn: Wir machen das zum einen manuell, indem einige Kollegen die Portale kontinuierlich beobachten. Zum anderen haben wir eine Software, die permanent checkt, was wo über die Allianz berichtet wird.

 

Wenn Sie sagen, Bewertungsportale sind nur ein kleines Puzzleteil des Arbeitgeber-Images. Was sind dann in Ihren Augen die großen Teile, die am Ende das positive Bild ergeben sollen?

Hahn: Das hängt von der Zielgruppe ab. Aber das Entscheidende ist sicherlich unsere Website, dann große Jobportale, Empfehlungen aus dem privaten Umfeld und Hochschulkooperationen. Das zeigt sich auch im Budget: Natürlich geben wir Geld für die Pflege unseres Profils auf Bewertungsportalen aus. Aber verglichen mit dem Budget, das wir für Jobplattformen oder unsere Karriereseiten ausgeben, ist das eher gering.

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Die Allianz Deutschland AG hat ein kostenpflichtiges Profil bei Kununo, auf dem Unternehmensinfos, Bilder und Videos zu finden sind.

Was raten Sie anderen Unternehmen, die überlegen, wie sie mit den Bewertungsplattformen umgehen?

Hahn: Wenn ein Unternehmen nicht über einen großen Markennamen verfügt wie die Allianz und auch nicht das Budget hat, für mehr Markenbekanntheit zu sorgen, lohnt es sich auf jeden Fall, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Wenn man in den Portalen gelistet wird, steigert das die Bekanntheit bei Arbeitnehmern, denn in der Regel haben kununu, Glassdoor und Co. auch ein gutes Suchmaschinen-Ranking.

 

Und wie sollten sie mit negativen Kommentaren umgehen?

Hahn: Selbst wenn dort mal etwas Negatives stehen sollte, ist das noch kein Grund zur Panik. Letztlich bildet es einen Teil der – zumindest gefühlten – Realität ab und wirkt auch glaubwürdiger als wenn ausschließlich Top-Bewertungen vorzufinden sind. Und wenn ein Unternehmen durch eine Antwort auf den negativen Kommentar zeigt, dass es die Kritik ernst nimmt, hinterlässt das einen positiven Eindruck.

 

Jetzt hat aber nicht jedes Unternehmen eine riesige Personalabteilung oder üppige Budgets, um ein sorgfältiges Monitoring und zeitnahe Reaktionen zu gewährleisten. Wie hoch ist in Ihren Augen der Aufwand, das Thema ordentlich anzugehen?

Hahn: Der Aufwand hält sich in Grenzen. Auf dem Profil der Allianz Deutschland kommen vielleicht vier bis fünf Kommentare pro Monat zusammen. Darüber wird man per Notification-Funktion direkt informiert. Das macht das Monitoring einfach. Wenn man es aber ernsthaft machen will, wird man um den Einsatz von Geld und Arbeitskraft nicht herumkommen. Sich ein erweitertes Profil anzulegen, ist kostenpflichtig. Dort kann man Bilder, Videos und nicht zuletzt auch Jobs aus dem Unternehmen präsentieren. Das alles ist nicht ganz billig.

 

Dominik A. Hahn verantwortet für die Allianz-Gruppe die Themen Mitarbeitergewinnung und Talentbindung. Zuvor war er u. a. für die globale Personalmarketing- und Online-Recruiting-Strategie der Allianz zuständig. Seinen beruflichen Ursprung hat der gebürtige Augsburger und Kommunikationswissenschaftler im Bereich Public Relations.

 

Lust auf mehr zum Thema?

Bewertungsportale sind nicht nur für Arbeitgeber, die sich um ihr Image sorgen, ein Thema. Wir beleuchten in einer kleinen Serie, wie man in unterschiedlichen Branchen auf die Kommentare im Netz reagiert. Interessiert? Dann lohnt es sich, durch unseren Blog zu klicken, um zu erfahren, was so manche Hotelmanager tagtäglich in den einschlägigen Portalen zu lesen bekommen oder warum die Götter in Weiß noch immer ihre Probleme mit den öffentlichen Urteil ihrer Patienten haben. Im kommenden Beitrag geht es um die Finanzbranche.

Über Monika Schmich

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Am 5. September 2016
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Eine Antwort auf "Daumen hoch, Chef! Wie Arbeitgeber mit Online-Bewertungen umgehen"

  1. […] u. a. für die globale Personalmarketing- und Online-Recruiting-Strategie zuständig. Er hat uns im Interview verraten, wie die Allianz mit Arbeitgeber-Bewertungen […]

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