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Mut zu Haltung: Sollen Unternehmen politische Position beziehen?

Fachliches Kommentare (1)

Ungewöhnliche Post erhielten dieser Tage die rund 6.500 Mitarbeiter von Airbus Helicopters in Donauwörth. Unter der Überschrift „Zur bayerischen Landtagswahl 2018“ positionierte sich die Geschäftsführung des Unternehmens und forderte die Mitarbeiter auf, am kommenden Sonntag von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen – ohne jedoch eine konkrete Wahlempfehlung auszusprechen, berichtete heute die Augsburger Allgemeine. „Was Sie aktiv beeinflussen, wird zum Programm. Was Sie lediglich hinnehmen, ebenso“, wird Geschäftsführer Wolfgang Schoder zitiert. Für die Aktion, die es bei Airbus so noch nie gegeben habe, zieht Schoder die relevanten Register der internen Kommunikation: E-Mail, Intranet und Aushang. Die politischen Entwicklungen der vergangenen Wochen und Monate hätten ihn dazu veranlasst, erklärte Schoder gegenüber der AZ. Im Schreiben an die Mitarbeiter heißt es: „Airbus steht für Weltoffenheit und den Willen, die Zukunftsfragen unserer Gesellschaft aktiv zu gestalten.“ Und weiter: „Populistische Parteien vertreten größtenteils Positionen, die diesen Werten entgegenstehen.“ Wer vorschlage, Grenzen dicht zu machen, Zölle zu erheben und den Austausch zwischen den Nationen einzuschränken, der mache nicht nur das Geschäftsmodell von Airbus kaputt. Eine solche Ausrichtung gefährde den Erfolg und die Zukunftsfähigkeit der Firma und letztlich Arbeitsplätze in der Region. Am Standort Donauwörth beschäftigt das Unternehmen Menschen aus rund 40 Nationen. Die dort produzierten Hubschrauber kommen in mehr als 150 Ländern zum Einsatz.

Wahlbenachrichtigung

Joe Kaesers Tweet gegen Alice Weidel: eine Frage des Anstands

Schoder ist mit seinem Statement nicht allein. Immer mehr Manager und Unternehmer beziehen öffentlich Position. Im Mai dieses Jahres machte Siemens-Chef Joe Kaeser Schlagzeilen, als er als erster Chef eines Dax-Konzerns auf Konfrontation zur AfD ging. Per Twitter kritisierte er die AFD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel, die zuvor im Bundestag für einen Eklat gesorgt hatte: „Lieber Kopftuch-Mädel als Bund Deutscher Mädel. Frau Weidel schadet mit ihrem Nationalismus dem Ansehen unseres Landes in der Welt“, schrieb er und trat damit eine breite Debatte los. Sollen Unternehmen zu politischen Fragen öffentlich eine Haltung einnehmen? Diesen Tweet abzusetzen und Weidels Äußerungen zu kommentieren, sei eine Herz- und Kopfentscheidung gewesen, lässt Kaeser zwei Monate darauf wissen. In einem Beitrag auf Linkedin nimmt er zu genau dieser Frage Stellung: „Ein CEO kann, darf, soll politisch sein. Manchmal muss er sogar politisch sein, wie ich finde.“ Rückblickend erklärte er seinen spontanen Tweet wie folgt: „Ich hatte den Eindruck, dass man so etwas nicht stehen lassen darf. Das hatte absolut nichts mit parteipolitischer Gesinnung zu tun und auch nicht mit der Frage, was Kopftücher für deren Trägerinnen bedeuten oder ob sie in Deutschland getragen werden sollten. Für mich war das vielmehr eine Frage des Anstands und der Moral und eine Frage, wie wir miteinander umgehen – und ob wir aus unserer Geschichte gelernt haben.“

Telekom-Chef Tim Höttges: „Umso mehr kommt es auf eins an: Haltung“

Auch Telekom-Chef Tim Höttges ist bekannt für klare Worte und hat sich in einem Linkedin-Beitrag unter dem Titel „Haltung und Verantwortung. Über die Rolle von Unternehmen“ zum Thema geäußert. „Ich bin überzeugt, dass es unser aller Aufgabe ist, wieder für Zukunftsoptimismus zu sorgen. Denn nur dann werden wir bestehende Probleme mutig lösen. Der Staat ist in der Pflicht. Der einzelne Bürger ist in der Pflicht. Aber auch Unternehmen müssen klären, was ihre Aufgabe in der Gesellschaft ist.“ Konkret auf sein Unternehmen bezogen: „Der tiefere Sinn der Telekom ist es, Verbindungen herzustellen. Wir wollen dabei helfen, Singularität und Granularität zu überwinden. Wir stehen also nicht für Hass und Trennung, sondern für Gemeinschaft und Verbindung. Und insofern ist unser Handeln immer auch ein Stück weit ‚politisch‘.“ Selbstkritisch ergänzt er: „Dass sich im unternehmerischen Handeln immer Lücken auftun zwischen dem eigenen Anspruch und konkretem Handeln gehört leider auch dazu. Gerade Konzerne sind komplex; einfache, monokausale Ursache-Wirkung-Zusammenhänge sind (leider) die Ausnahme. Und: The business of business is stll also business. Aber umso mehr kommt es daher auf eins an: Haltung.“

dm-Gründer Götz Werner plädiert für bedingungsloses Grundeinkommen und radikale Steuerreform

Für sein gesellschaftspolitisches Herzensthema, das bedingungslose Grundeinkommen, macht sich seit vielen Jahren der Unternehmer Götz Werner stark. Der anthroposophisch geprägte Gründer der Drogeriemarktkette dm wirbt im Web, in Büchern, Autorenbeiträgen und Talk Shows unermüdlich für seine Vision und plädiert für eine radikale Steuerreform.

Edeka und Inbev setzen auf Vielfalt, Nike legt sich mit Trump an

Es gibt zahlreiche weitere aktuelle Beispiele – nicht nur aus Deutschland. Die Supermarktkette Edeka entfernte etwa in einer Filiale alle aus dem Ausland importierten Produkte und veröffentlichte das Ergebnis auf Social-Media-Kanälen: leere Regale und Schilder mit politischen Statements. „Dieses Regal zeigt: Wir wären ärmer ohne Vielfalt“ und „So leer ist ein Regal ohne Ausländer“.

Eine ähnliche Aussage traf der weltgrößte Bierbrauer und Budweiser Hersteller AB Inbev beim Super Bowl 2017. In einem Werbespot erzählte er die Einwanderungsgeschichte seines deutschen Firmengründers Adolpus Busch – eine klare Spitze gegen US-Präsident Trump, der kurz zuvor die Einreisebedingungen in die USA einschränkte.

Der Sportartikelhersteller Nike setzte ein Zeichen, indem er den NFL-Spieler Colin Kaepernick zum Kopf seiner Werbekampagne „Just do it“ machte. Kaepernick hatte die Kniefall-Proteste in der National Football League gegen Polizeigewalt und Rassendiskriminierung initiiert, indem er sich bei einem Spiel seiner Mannschaft nicht zur Nationalhymne erhob und damit den Zorn von US-Präsident Donald Trump auf sich zog. Die Kampagne blieb nicht ohne Folgen für das Unternehmen: Im Netz kursierten Boykott-Aufrufe wütender Kritiker und Videos, in denen sie ihre Nike-Turnschuhe verbrannten. Umsatz und Gewinn jedoch stiegen, wie das Handelsblatt berichtete.

Angst vor wirtschaftlichen Folgen

Die wirtschaftlichen Folgen waren lange das Feigenblatt-Argument, das Unternehmen nutzten, um ihre neutrale Haltung zu begründen. Nicht ohne Grund, wie eine aktuelle repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der Kommunikationsagentur JP|KOM zeigt: 67 Prozent der Befragten haben Unternehmen und deren Produkte aus politischen Gründen schon einmal boykottiert.

Virgin-Gründer lässt Geschäfte mit Saudi-Arabien ruhen

Wohl dem, der sich – ohne die finanziellen Folgen fürchten zu müssen – so konsequent positionieren kann wie der britische Unternehmer und Milliardär Richard Branson. Just heute kündigte er auf seinem persönlichen Blog auf der Website der Virgin-Gruppe an, die Zusammenarbeit mit der saudischen Regierung ruhen zu lassen. Das betrifft Verhandlungen mit dem Staatsfonds über Investitionen in seine Raumfahrtunternehmen und Beratungstätigkeiten für zwei Tourismusprojekte. Hintergrund dafür ist das Verschwinden des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi bei einem Besuch des saudischen Konsulats in Istanbul. Branson fordert eine klare Stellungnahme und Aufklärung über das Verbleiben des Journalisten. Inzwischen berichteten Medien, dass dieser im Konsulat ermordet worden sei.

Investmentgesellschaft Deka kritisiert RWE öffentlich

Ganz so weit wie Branson wollte die Deka-Bank offensichtlich nicht gehen. Und doch ist ihre Reaktion auf die Eskalation im Hambacher Forst bemerkenswert. In einem Tweet forderte die Investmentgesellschaft als Aktionär von RWE den Energieversorger öffentlich zu Besonnenheit und Weitsicht auf und dazu, die Rodungsarbeiten bis zum Abschluss der tagenden Kohlekommission auszusetzen. Solch massive Kritik wurde bisher eher hinter verschlossenen Türen geäußert oder war der Hauptversammlung vorbehalten.

Sich neutral verhalten oder klar positionieren?

Sich neutral verhalten oder sich klar positionieren? Für beide Optionen gibt es wirtschaftliche Argumente. Ein neutrales Unternehmen, das es allen recht machen will, bietet keine Angriffsfläche, ihm fehlt aber Kontur und Charakter. Ein Unternehmen, das sich klar positioniert, hat die Chance, neue Fans zu gewinnen sowie zustimmende Stakeholder zu treuen Begleitern und begeisterten Multiplikatoren zu machen. Und es riskiert solche zu verlieren, die der Positionierung kritisch gegenüberstehen oder diese ablehnen. So manche Aussage und so manche Werbekampagne mag auf diesem Kalkül basieren. Doch wirtschaftliche Argumente alleine helfen bei der Entscheidung pro oder kontra nicht weiter. Da kann der Umsatzdruck noch so groß sein. Der Finanzierungsbedarf noch so drängend. Der Fachkräftemangel noch so einschränkend. Manchmal wird eine Grenze überschritten und dann geht es gar nicht mehr um Mut zur Haltung. Dann – da halte ich es ganz mit Joe Kaeser – ist schlicht und einfach Anstand gefragt.

Was erwarten die Stakeholder? Ein Drittel der Deutschen wünschen sich von Unternehmen politische Haltung

Dass Unternehmen öffentlich zu politischen Themen Haltung beziehen, wünscht sich ein Drittel der Deutschen. Die Mehrheit der Befragten (rund 60 Prozent) bevorzugen Neutralität. Zu den Befürwortern zählen vor allem die 18- bis 49-Jährigen (im Schnitt 34 Prozent) und Studenten (53,2 Prozent). So das Ergebnis der oben genannten Umfrage. Interessant: Personen, die sich dem linken Parteienspektrum zuordnen, fordern von Unternehmen eine stärkere politische Positionierung (SPD, 48,3 Prozent; Grüne: 51,1 Prozent; Linke: 42,6 Prozent). Liberal-Konservativ verortete Wähler halten das für nicht angesagt (CSU/CSU: 61,1 Prozent; FDP: 65,3 Prozent). Und von den AfD-Wählern sind sogar 79,8 Prozent dagegen. Warum wohl?

Was meint Ihr dazu?

Habt Ihr weitere Beispiele für mutige Unternehmen, Unternehmer und Manager, die öffentlich klare Kante zeigen und für ihre Werte einstehen? Habt Ihr selbst schon einmal ein Unternehmen wegen seiner Ansichten oder Geschäftspolitik boykottiert? Auf dem Kommunikationskongress Ende September in Berlin, der übrigens unter dem Motto „Mut“ stand, wurde darüber heftig diskutiert. Übrigens auch darüber, ob Journalisten Haltung zeigen sollen und dürfen – aber das ist einen extra Blogpost wert. Ich freue mich, wenn wir diese Diskussion hier auf dem Blog fortsetzen.

Update vom 17. Oktober 2018

Meike Leopold hat bereits im September eine Blogparade zum Thema „Haltung in der Kommunikation: Fake oder echter Trend“ gestartet, auf die ich erst jetzt gestoßen bin. Vielleicht habt Ihr Lust, Euch daran zu beteiligen. Sie läuft noch bis zum 22. Oktober. #KommunikationmitHaltung

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 12. Oktober 2018
Von
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Eine Antwort auf "Mut zu Haltung: Sollen Unternehmen politische Position beziehen?"

  1. Sandra sagt:

    Inzwischen erfuhr ich, dass auch der Triebwerkshersteller MTU Aerospace und die Unternehmensberatung Ernst & Young sich mit Aufrufen an ihre Mitarbeiter wandten, Parteien der Mitte zu wählen. Die Schwäbische Zeitung hat darüber berichtet inklusive einem Link zum Originalschreiben von EY. Interessant dort auch der Kommentar von Digitalchef Hagen Schönherr, der sagt: „Richtig so!“

    Im Bericht des Handelsblatt kommt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), zu Wort. Der Wirtschaftsverband unterstützt solche Aufrufe und berät seine Mitgliedsunternehmen dazu.

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