WhatsApp vom Revolutionär: Storytelling via Messenger

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Drei WhatsApp-Nachrichten am Morgen: Die Freundin muss unser Treffen leider absagen – Erkältung. Die Familiengruppe diskutiert im Messenger über Weihnachtsgeschenke. Und Kurt Eisner schreibt mir: „Entscheidungen sind nicht immer einfach, aber müssen pragmatisch sein!“ Es ist der 15. November, 11.44 Uhr. Kurz vor der Mittagspause. Ich bin im Büro. Und mittendrin in der Revolution von 1918 und einem Austausch mit dem Revolutionsführer und ersten Ministerpräsidenten Bayerns. Das Projekt „Ich, Eisner!“ macht es möglich.

Journalistisches Storytelling via Messenger – ein Novum, sagen die Macher beim Bayerischen Rundfunk. Und wir fragen: Wie sieht es mit diesem Format in der PR aus?

Doch erst einmal zurück zur Revolution: Kurt Eisner meldet sich wieder bei mir, berichtet von dem unvorstellbaren Leid in der Bevölkerung. Zeitgleich wird mein Amazon-Paket zugestellt, lese ich auf meinem Smartphone. Über das Weihnachtsgeschenk für die Eltern besteht weiterhin Uneinigkeit, entnehme ich dem WhatsApp-Chat.

Mit dem Smartphone zurück in die Zeit vor 100 Jahren

Schon seit fast zwei Wochen begleite ich den Sozialdemokraten Eisner durch die turbulenten Novemberwochen des Jahres 1918. Täglich bekomme ich von ihm Texte, Links und Tonsequenzen. Bayern 2 und das Referat Digitale Entwicklungen und Social Media beim BR haben das Projekt „Ich, Eisner“ zum 100. Jubiläum des Freistaats auf die Beine gestellt.

Seit dem 14. Oktober versendet ein Redaktionsteam über die Messenger WhatsApp und Insta Nachrichten in Eisners Namen an Abonnenten. Eine Anmeldung ist über die BR-Website möglich.

Live-Storytelling via Messenger – gibt es das auch in der PR? Und wie funktioniert es?

Mit Robert via Messenger im KSK-Einsatz

Robert soll junge Leute für die Bundeswehr als Arbeitgeber begeistern. Jetzt schreibt er mir WhatsApp-Nachrichten. Quelle: Bundeswehr

Ja, das gibt es. Neben Kurt Eisner habe ich seit kurzem einen weiteren „Freund“ unter meinen WhatsApp-Kontakten: Robert, selbst erklärter Abenteurer, Fotograf und Outdoor-Spezialist. Obwohl er keinen politischen Umsturz plant, kommt er martialischer daher als mein Kurt. Mit Flecktarn, Mehrtages-Bart und Live-Berichten aus dem Dschungel. Robert ist der Protagonist der Recruiting-Kampagne der Bundeswehr, „KSK – Kämpfe nie für Dich allein“, die am Montag gestartet ist.

Robert will für mich herausfinden, „was beim KSK so geht“ und nimmt dazu an einem geheimen Training des Kommando Spezialkräfte (KSK) teil. Dazu schickt mir Robert Filmchen aus Belize. Er zeigt mir, wie man sich eine Machete beschafft, und erzählt von schlaflosen Nächten. „Einfach nur krass“, schreibt er mir am dritten Tag seiner Mission per WhatsApp. Ich sehe viele vermummte Menschen und Waffen.

Millionenschwere Recruiting-Kampagnen

Das Verteidigungsministerium spricht von der ersten WhatsApp-Serie Deutschlands. Die Inhalte gibt es nicht nur über den Messenger, sondern auch als Podcast und bei Youtube, den Soundtrack bei Spotify und das passende Workout für Alexa. Konzipiert wurde das Projekt von der Agentur Castenow, die bereits die millionenschweren Kampagnen um die Web-Serien „Die Rekruten“ und „Mali“ für das Bundeswehr-Recruiting verantwortet hat und dafür kürzlich erneut mit dem PR-Report-Award ausgezeichnet wurde.

Warum Kurt antwortet und Robert keine Zeit hat

Das Besondere an diesen Messenger-Formaten: Sie lassen über die reine Sender-Empfänger-Kommunikation Raum für einen 1:1-Austausch. Mit Kurt klappt das bereits ganz gut. Wir sind schnell per Du. Am Tag vor dem großen Umsturz mache ich mir ein wenig Sorgen. Ich frage per WhatsApp: „Hast Du Angst?“ Keine 45 Minuten später die Antwort: „Ich glaube an die Sache. Und ich habe viele Mitstreiter, die wie ich die Notwendigkeit sehen, dass sich etwas ändern muss. Das treibt mich an.“ Ich bin beruhigt.

Das Verhältnis zum Dschungel-Kämpfer Robert ist da weniger intim. Als ich mich nach der politischen Situation in Belize erkundige, verströstet er mich – stilecht mit Smileys und mangelhafter Zeichensetzung: „Sry, das KSK-Training ist echt hart 😩 darum habe ich leider keine Zeit, dir zu schreiben.“

Lieber konsumieren als diskutieren

Macht nichts. Denn offenbar gehöre ich zu einer Minderheit. Die Dialogmöglichkeiten seien nur zweitrangig, berichtet Eva Deinert, Projektmanagerin im Referat Digitale Entwicklungen und Social Media des Bayerischen Rundfunks, in einem Interview über erste Erfahrungen aus dem Eisner-Projekt. Der Großteil der Nutzer möchte nur konsumieren. Standardfragen lässt der BR übrigens von einem Bot beantworten. Um Komplexeres kümmert sich das Redaktionsteam selbst.

Die Bundeswehr will nach eigenen Angaben mit ihrer WhatsApp-Serie das Interesse an ihr als Arbeitgeber steigern. Und da das KSK einer der beliebtesten Suchbegriffe im Zusammenhang mit der Bundeswehr auf Google ist, dreht sich die Story um das Spezialkommando.

WhatsApp-Storytelling abseits des Dschungels

Man muss aber gar nicht bis in den Dschungel und in die Budget-Dimensionen der Bundeswehr gehen, um weitere Beispiele für erfolgreiches Storytelling via Messenger zu finden. Viele davon sind sogar schon ein paar Jahre alt.

Das Bistum Essen hat es zum Beispiel getan. Der Content, für viele nicht weniger spannend als ein KSK-Einsatz: die Oster-Geschichte. Schon 2015 erzählte das Bistum innerhalb von acht Tagen mit Texten, Bildern, Audios und Videos die Geschichte um das Leiden und Sterben Jesu in Echtzeit. Die Nachfrage war so groß, dass die Kapazitätsgrenzen gesprengt und keine Nutzer mehr angenommen werden konnten. Und das, obwohl der Ausgang der Geschichte ja wohl bekannt sein dürfte.

Kein Platz für Trolle im Messenger

Im journalistischen Bereich war die Heilbronner Stimme 2014 Vorreiter, als sie zum 70. Jahrestag der Bombardierung der Stadt die Geschichte des Infernos via WhatsApp erzählte. Ein Vorteil dieses Kanals, wie die Redaktion in ihrer Bilanz schreibt: Es gibt hier keine Trolle. Ein Umstand, der sicherlich auch in der PR-Arbeit ein Plus sein dürfte.

Denn fest steht: Auch in der Kommunikation von Unternehmen boomen Messenger-Dienste. Journalisten bekommen die Links zur aktuellen Pressemitteilung direkt per WhatsApp auf Handy genauso wie Mitarbeiter den Kantinenspeiseplan. Unternehmen nutzen Messenger, um Kampagnen anzuteasern oder Newsletter an den Mann und die Frau zu bringen. Sie eröffnen Kunden Dialogmöglichkeiten und unterbreiten Serviceangebote. Die Kommunikation via Messenger wirkt persönlicher. Und sie erreicht den User dort, wo er sich ohnehin aufhält – beim Gruppenchat mit der Fußballmannschaft, zwischen der Sprachnachricht von der Oma und der Botschaft der Freundin. Ein privates Medium quasi, in das sich das Unternehmen „einschleicht“.

Gibt es weitere Beispiele für Messenger-Anwendungen? Kennt ihr Unternehmen, die sich hier mit Storytelling hervorgetan haben? Wir freuen uns über Anregungen und Beispiele.

Über Monika Schmich

Themen erfassen. Schnell umsetzen. Mit der Zielgruppe im Blick. Journalismus trifft PR.

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Am 15. November 2018
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Eine Antwort auf "WhatsApp vom Revolutionär: Storytelling via Messenger"

  1. M.Meier sagt:

    Danke für den Blogpost und den Tipp zum 100-Jahre-Bayern-Projekt….. Habe mich gleich (noch) registriert und bekomme nun eine tägliche Dosis Geschichtsunterricht 😉

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