Grabsteine, die Geschichten erzählen

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Friedhöfe gehören zu den Orten, die ich in mir unbekannten Städten und Regionen mit als erstes besuche, wenn ich auf Reisen bin – und das nicht nur an Allerheiligen. Dort erfährt man viel über die Menschen und ihre Kultur: wann und wie sie gelebt haben, unter welchen Umständen sie gestorben sind und in welcher Beziehung die Hinterbliebenen zu ihnen standen bzw. stehen. Ein besonderes Exemplar eines solchen kulturellen Gedächtnisses habe ich diese Woche auf der nordfriesischen Insel Amrum entdeckt. Auf dem Friedhof der St.-Clemens-Kirche in der Gemeinde Nebel gibt es „erzählende Grabsteine“.

Die Steine stammen aus der Zeit von 1678 bis 1858. Ihre Inschriften geben nicht nur – wie heute üblich – den Namen des Bestatteten an, sein Geburts- und Todesdatum sowie den zugehörigen Ort. Die Inschriften erstrecken sich über die gesamte Fläche des Steins, teilweise auch über die Rückseite. Sie enthalten ausführliche Lebensläufe, berichten von der Familie, von wichtigen beruflichen Stationen, vom gesellschaftlichen Rang und von der Lebenseinstellung. Teilweise sind sie garniert von Bibelzitaten und dekorativen christlichen Symbolen, allegorischen Bildern oder berufsständischen Zeichen wie Kreuzen, Herzen, Anker, Blumen, Wappen, Windmühlen oder Schiffen.

Spannende Lebensgeschichten

Leisten konnten sich solche aufwändigen Grabsteine nur wohlhabende Inselbürger: Pastoren zum Beispiel oder Männer, die es durch Seefahrt und Walfang zu Vermögen gebracht haben, und sich später als Müller oder Landbesitzer auf der Insel verdingten. Entsprechend spannend sind die Lebensgeschichten: Sie erzählen von den Gefahren auf See, von Schiffsunglücken, Kriegsgeschehen, Sklavenhandel, aber auch von der hohen Sterberate der Mütter im Kindsbett, der großen Anzahl von Totgeburten und Todesfällen von Kleinkindern.

Das abenteuerliche Leben des Seefahrers Hark Olufs

Auch dem berühmtesten Sohn der Insel ist ein Stein gewidmet: Hark Olufs (1708-1754). Als Sohn eines Kapitäns fuhr Hark bereits als 12-Jähriger als Matrose auf einem Schiff seines Vaters zur See. 1724 wurde sein Schiff auf dem Weg von Nantes nach Hamburg von Piraten gekapert. Er und zwei Cousins wurden nach Algerien verschleppt und als Sklaven verkauft. So gelangte Hark als Lakai an den Hof des Fürsten (Beys) von Constantine. Dort stieg er zum Schatzmeister, später zum Kommandeur der Leibgarde und zum Oberbefehlshaber der Kavallerie auf. Eine beeindruckende Karriere, die wohl nur deswegen möglich war, weil Hark schnell die arabische und türkische Sprache erlernte und weil er zum Islam konvertierte und sogar nach Mekka pilgerte. Unterdessen spart sein Vater Geld zusammen, um seinen Sohn für den Gegenwert von zehn Jahresgehältern freizukaufen. Doch nachdem das Lösegeld floss, kam statt Hark ein fremder Mann aus Bremen nach Amrum – eine Verwechslung. Inzwischen 28 Jahre alt gelingt es Hark, im Auftrag seines algerischen Herrn Tunis zu erobern. Damit macht er sich so verdient, dass er aus der Gefangenschaft freigelassen wird und 1735 in seine Heimat zurückkehren kann. Er heiratet und wird Vater von fünf Kindern. Im Alter von 46 Jahren stirbt er – Frau und Kinder finden ihn tot im Sessel sitzend.

 

Der QR-Code ist tot, es lebe der QR-Code

Gut, dass sich Mitglieder der Kirchengemeinde vor einigen Jahren der rund 160 Grabsteine angenommen haben, die am Rande des Friedhofs zu verwittern drohten. Sie wurden restauriert und zum Teil in einem eigenen Areal auf dem Friedhof in Szene gesetzt. So blieben nicht nur die Geschichten erhalten, Amrum erhielt damit auch eine weitere touristische Sehenswürdigkeit. Besucher, die sich mit dem Entziffern der Inschriften schwer tun, erhalten über einen QR-Code direkten Zugang zu den Texten. Er führt zu einer Website, auf der die Reproduktion des entsprechenden Grabsteins mit einer Transkription als Lesehilfe versehen ist. Damit ist sie leichter zu lesen. Gut verständlich sind die Inschriften ohnehin, weil sie nicht in der Alltagssprache Öömrang, dem Amrumer Friesisch, verfasst sind, sondern in Hochdeutsch, der Kirchensprache. Hier ist der QR-Code sinnvoll eingesetzt.

Herzliche Grüße von der Insel sendet Euch Sandra

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 1. November 2018
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2 Antworten auf "Grabsteine, die Geschichten erzählen"

  1. Gregor Feucht sagt:

    Schöne Geschichte, wenn sie denn wahr ist.;-) Bei den Daten ist mir aufgefallen, dass Hark bei der Eroberung von Tunis entweder mindestens ein Jahr jünger gewesen sein muss oder oder eben mindestens 1 Jahr später heimgekehrt ist, da er erst 1736 28 Jahre alt wurde.:-)
    Viel Spaß weiterhin beim Reinkuscheln und Lesen!
    LG
    Gregor

  2. Gregor Feucht sagt:

    2x oder .Brauche doch eine Brille…

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