Geschäftsbericht: das Lektorat

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In den ersten Monaten des Jahres ist Geschäftsberichtssaison. Investor-Relations-Experten sowie Public-Relations-Spezialisten arbeiten Hand in Hand mit Wirtschaftsprüfern und Juristen, mit Textern, Übersetzern und Layoutern – oft bis spät in die Nacht hinein. Dass sich unter dem hohen Zeitdruck Fehler einschleichen, ist menschlich. Und ärgerlich. Manchmal sogar mehr als das. Nämlich dann, wenn der in hohen Auflagen gedruckte Edelbericht eingestampft und neu gedruckt werden muss. Oder wenn gravierende Fehler börsennotierte Gesellschaften bis in die Aussprache der Hauptversammlung hinein verfolgen. Damit das nicht passiert, lohnt ein Lektorat. Am besten von einem Außenstehenden, der nicht betriebsblind ist, der Rechtschreibung und Zeichensetzung beherrscht und erfahren ist mit Betriebswirtschaft und Finanzsprache.

15 Zentimeter misst der Stapel Papier, den ich bisher allein in diesem Jahr lektoriert habe. Hier ein Einblick in meine Erfahrungen.

Rechtschreibung

Rechtschreibfehler wirken unprofessionell – ein Eindruck, der auf die sonstige Arbeitsweise des Unternehmens abfärbt. Besonders unangenehm, wenn die Namen von Vorstands- oder Aufsichtsratsmitgliedern betroffen sind. Fehler, denen ich beim Lektorat häufig begegne: Director‘s Dealings statt Directors‘ Dealings; Dax und MDax statt DAX und MDAX, XETRA statt Xetra; z.B. und u.a. statt z. B. und u. a. (mit Leerzeichen). PKW statt Pkw (Sie sind nicht in der Automobilbranche tätig? Macht nichts: Werfen Sie einfach mal einen Blick auf die Angaben zu Leasingverpflichtungen im Anhang).

Einheitliche Schreibweisen: Corporate Wording

Ein Glücksfall, wenn der Geschäftsbericht von A bis Z aus einer Hand stammt. In der Regel werden die Textbausteine aber aus verschiedenen Fachabteilungen zugeliefert. Das Dilemma: Jeder schreibt anders. Und das gilt nicht nur für den Stil, sondern auch für die Schreibweise bestimmter Begriffe.

  • Schreiben Sie Prozent und Euro aus oder verwenden Sie die Zeichen % und €?
  • Schreiben Sie T€ oder Tsd. Euro?
  • Wie gehen Sie mit den Vorjahresangaben um: Vorjahr, Vj.: oder ohne Bezeichnung einfach in Klammern setzen?
  • Schreiben Sie bei Datumsangaben die Monate aus oder nicht? Verwenden Sie führende Nullen, z. B. 01.01.2016?
  • Gehören Sie zu den Bindestrich-Verfechtern bei Komposita: Risikomanagement-System statt Risikomanagementsystem? Wie halten Sie es mit englisch-deutschen Komposita? So nennt sich die Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex (ohne Bindestrich), regelkonform schreibt man aber Corporate-Governance-Bericht (mit Bindestrichen zwischen allen Bestandteilen).
  • Einheitliche Schreibweisen gelten auch für Produkte, Geschäftsbereiche und Projekte. Sie glauben gar nicht, wie vielen kreativen Varianten man in einem Dokument wie dem Geschäftsbericht begegnen kann.

Wer solche Fragen des Corporate Wordings vorab beantwortet und als Standard definiert, erleichtert die Arbeit: für die zuliefernden Kollegen, für sich selbst und für den Lektor.

Anglizismen und Abkürzungen

Nicht jeder Leser ist mit Ihrem Unternehmen und Ihrer Branche so vertraut, dass er alle Fachbegriffe und Abkürzungen versteht. Deshalb lautet eine Standardbeschwerde auf vielen Hauptversammlungen: „Da sind so viele Fremdwörter und Anglizismen drin, kann man das nicht auch auf Deutsch sagen?“ Das lässt sich vermeiden, indem man tatsächlich nach deutschen Begriffen sucht und solche, auf die man überhaupt nicht verzichten will, in einem Glossar erläutert. Abkürzungen sollten Sie grundsätzlich ausschreiben und gegebenenfalls erklären, wenn sie das erste Mal im Text auftauchen.

Zahlen abgleichen

Weil der Geschäftsbericht häufig parallel zum Jahresabschluss entsteht, kann es bei den Zahlen bis unmittelbar vor dem Druck zu Veränderungen kommen. Die wichtigsten Kennzahlen, die sich im Imageteil, Lagebericht, Anhang, in der GuV (Gewinn- und Verlust-Rechnung), Bilanz und in Übersichtstabellen im Umschlag befinden, sollten deshalb abgeglichen werden. Übrigens auch mit dem Vorjahr. Wenn es zu Vorjahresanpassungen kam oder zu Problemen bei der Vergleichbarkeit, gilt es diese zu erklären. Auch bei Diagrammen empfiehlt sich ein kritischer Blick: Ergeben die addierten Zahlen tatsächlich 100 Prozent?

Jahresangaben und zeitliche Bezüge

Unternehmen, bei denen das Geschäftsjahr dem Kalenderjahr entspricht, veröffentlichen ihren Geschäftsbericht für 2015 in der Regel im ersten Quartal 2016. 2015 ist dann das abgelaufene, abgeschlossene bzw. vergangene Geschäftsjahr, 2016 das laufende oder aktuelle. Da kann man schon mal durcheinander kommen. Weil man gedanklich im falschen Jahr steckt, oder einfach, weil man Textpassagen aus den Quartalsberichten kopiert hat. Und noch eine Bitte: So lange der Duden es nicht erlaubt, heißt es im Jahr 2015 und nicht „in 2015“.

Das Geschlecht des Unternehmens

Immer wieder eine interessante Diskussion: die über das Geschlecht des Unternehmens. Die AG, Gesellschaft oder Firma, das Unternehmen, der Konzern – so weit, so gut. Spannend wird es bei den Possessivpronomen. Die Deutsche Bank, die IBM und die KUKA sprechen von „ihren Kunden“ (weiblich). Siemens hingegen spricht neutral von „seinen Kunden“, ebenso wie Continental und ThyssenKrupp. Und der Daimler?

Vorstand und Aufsichtsrat

Vorstand und Aufsichtsrat sind Gremien, der Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende sind Mitglieder dieser Gremien. Warum häufig einzelne Mitglieder als Vorstand oder Aufsichtsrat bezeichnet werden, ist mir schleierhaft. Noch rätselhafter finde ich, wenn – bevorzugt im Bericht des Aufsichtsrats und im Anhang – den Namen der Gremiumsmitglieder ein Herr bzw. Frau vorangestellt wird. In der Regel verweisen die Vornamen doch eindeutig auf das Geschlecht, womit die Information redundant und damit überflüssig ist.

Inhaltsverzeichnis

Es schadet nicht, unmittelbar vor der Drucklegung nochmal die Seitenzahlen und Kapitelüberschriften abzugleichen. Ebenso die Seitenverweise im Text. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendetwas nicht zusammenpasst, ist hoch. Schließlich wurde an dem Dokument wochenlang gearbeitet und bis zuletzt ergeben sich Änderungen.

Aufzählungen

Aufzählungen können politischen Sprengstoff bieten, alles schon erlebt. Deshalb empfiehlt es sich zum Beispiel, Standorte und Kundennamen alphabetisch aneinander zu reihen. Das ist schnell gemacht und Sie sparen sich die Diskussion, ob mit einer abweichenden Reihenfolge eine Wertung verbunden ist. Außer genau das ist Ihre Intention.

Die hohe Schule des Geschäftsberichtslektorats besteht darin, Inhalte auf Plausibilität zu prüfen. Beispiel Vorstandsvorwort. Es enthält die Kernaussagen und ist in der Regel der letzte Text, der für den Geschäftsbericht geschrieben wird. Entsprechen die Aussagen dort der Argumentation im Lagebericht? Oder merkt der Leser, dass die Kommunikatoren hier gedanklich schon weiter waren und sich für die unmittelbar bevorstehende Bilanzpressekonferenz gewappnet haben? Passen die Angaben im Lagebericht und im Anhang zueinander? Sind die Informationen, die im Imageteil transportiert werden, stimmig mit dem Pflichtteil?

Geschäftsberichte sind nicht immer leicht zu lesen. In den Texten dominieren häufig viel zu lange Sätze und Nominalstil. Hinzu kommen jede Menge betriebswirtschaftliche Fachtermini, englische Fachbegriffe und Floskeln. Mir macht das Lektorat trotzdem Spaß. Weil ich dabei viel über unterschiedliche Unternehmen, Branchen und Geschäftsmodelle lerne. Wenn auch Sie Ihren Geschäftsbericht meinem kritischen Blick anvertrauen möchten, melden Sie sich gerne bei mir!

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 3. Juli 2016
Von
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3 Antworten auf "Geschäftsbericht: das Lektorat"

  1. Puh! liebe Sandra. Ich hätte nicht vermutet, dass Lektorieren so anstrengend ist. Und es hört sich für mich auch kompliziert an. Danke für diesen Einblick in deine Arbeit. Du hast das anschaulich erklärt. Außenstehende sehen das sicher nicht.
    Nun habe ich außerdem gelernt, dass auch ich den Fehler „z.B.“ mache. Also dass das ein Fehler ist……

    Und ein ist sicher, wenn unser Maximilians wächst und wächst und wächst: ich weiß, welcher Agentur ich meinen Geschäftsbericht anvertraue.

    Bis dahin empfehle ich dich und deine Mädels von candid den Reportern von n.tv : http://www.n-tv.de/wirtschaft/marktberichte/Dax-erholt-sich-article18167541.html
    😉

  2. […] Bereits im Duden enthaltene Wörter können auch in ihrer Bedeutung ergänzt werden. Expertise zum Beispiel bedeutete früher nur „Gutachten eines Experten“, inzwischen darf es laut Duden auch im Sinne von „Fachkenntnis, spezielles Wissen“ verwendet werden. Bei vielen Lektoraten stießen wir auf die Verwendung des Begriffs in dieser zweiten Bedeutung, die vermutlich unter dem Einfluss des Englischen zustande kam. Und regelmäßig markierten wir es bisher als falsch. Dank des neuen Dudens kann das in Zukunft unkommentiert stehen bleiben. Worauf wir sonst so achten bei Lektoraten – vor allem von Geschäftsberichten – hat Sandra schon einmal beschrieben. […]

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