Erinnerungen an die Cebit

candid News Kommentare (1)

Die Cebit ist Geschichte. Nach 33 Jahren wurde sie gestern per Pressemitteilung für tot erklärt. Die ersten Nachrufe sind veröffentlicht. „Der Entschluss zum Ende der Cebit fiel extrem kurzfristig und traf selbst Insider völlig unvorbereitet“, schreibt die Wirtschaftswoche unter der Überschrift „Wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod“. Dabei befand sich die einst weltgrößte Messe für Informationstechnik seit Jahren in Palliativbetreuung und wurde künstlich beatmet.

cebit_tweet

Sascha Lobo bringt die Gründe für das Dahinsiechen auf den Punkt: „Die wichtigste Digitalveranstaltung in Deutschland hat die digitale Transformation nicht geschafft, was für ein trauriges, aber auch passendes Zeichen.“ Seine Antwort auf die Frage nach der Verantwortung liest sich entlarvend: „Die Verantwortung dafür trug keine einzelne Person, nicht die Gesellschafter, nicht die verschiedenen Vorstände und schon gar nicht die Mitarbeiter. Sondern die urdeutsche Überzeugung, dass die wirtschaftlichen Erfolgsrezepte von gestern und heute – auch morgen noch funktionieren werden. Die Haltung, dass im Zweifel eher Sparsamkeit der Kaufleute Tugend sei, und zwar statt Investition. Vor allem aber trägt die Verantwortung für das Scheitern der Cebit die so verbreitete wie merkwürdige Hoffnung, der Wandel werde alles verändern außer einem selbst.“

Wie der Protagonist in einem Science-Fiction-Film

Für mich ist die Cebit mit meinem Berufseinstieg verbunden und markiert damit einen wesentlichen Wendepunkt in meiner Vita. Mein erster Einsatz in den zugigen Hallen in Hannover war im Frühjahr 1996, also ein Jahr nachdem Bill Gates dort Windows 95 vorgestellt hatte. Als junge Absolventin mit einem geisteswissenschaftlichen Uniabschluss in der Tasche hatte ich wenige Monate zuvor begonnen, in der Unternehmenskommunikation des Hightech-Konzerns Texas Instruments zu arbeiten. In der neuen Umgebung außerhalb des akademischen Elfenbeinturms fühlte ich mich wie der Protagonist in einem Science-Fiction-Film. Diese Faszination für Technologie ist bis heute geblieben. Besonders stolz präsentierten wir in diesem Jahr eine Technologie namens Digital Light Processing (DLP). Vertriebskollegen aus Dallas und England waren angereist, um sie den Messebesuchern zu erklären. Einer von ihnen war gerade begeistert dabei, die Vorzüge der Projektionstechnik zu erläutern, als er den Besucherausweis seines Gegenübers genauer betrachtete und realisierte, dass er einen Journalisten vor sich hatte. Sofort brach er das Gespräch ab mit dem Hinweis „sorry, but I’m not supposed to speak to the press“. Eine peinliche Situation. Aber so war das damals. Man glaubte, die Medienarbeit eines internationalen Konzerns mit mehr als 55.000 Mitarbeitern über einige wenige Pressesprecher kanalisieren und steuern zu können und verpasste dem eigenen Standpersonal einen Maulkorb.

Verrußter Messestand

Ich erinnere mich auch, wie wir einmal nach einer kurzen Nacht (die Cebit-Standpartys waren legendär und die Entfernungen zwischen Unterkunft und dem Messegelände in Laatzen mitunter weit) an unseren Stand kamen und erstmal kräftig putzen mussten. Der Aktenvernichter im Personalraum hatte sich an einem Stück Papier festgefressen, überhitzt und Feuer gefangen. Nicht nur unsere Exponate und Standmöblierung waren von einer feinen, klebrigen Rußschicht überzogen. Mit unseren Standnachbarn schlossen wir in diesem Jahr jedenfalls keine Freundschaft. Glück im Unglück: Die Standwache hatte rechtzeitig reagiert und größeren Schaden verhindert.

Werbung für den Börsengang

1999 war ich gerade von TI zum IT-Dienstleister GFT gewechselt. Unter dem Motto www.internetprofi.de nutzten wir die Cebit, um zur Hochzeit des Neuen Marktes unseren bevorstehenden Börsengang zu bewerben. Am ersten Messetag galt es erstmal eine Ausgabe der Wirtschaftswoche zu ergattern. Die Redakteurin Katja Gutowski, die damals im Unternehmensressort die E-Commerce- und Internet-Themen verantwortete, hatte eine mehrseitige Geschichte über das Unternehmen mit Sitz im Schwarzwald geschrieben. Die Headline: Kuckucksuhren in New York. Der Aufmacher: eine Aufnahme des Unternehmensgründers auf dem Times Square in New York. Das hat damals als Botschaft gut funktioniert. Heute würde ich das so auch nicht mehr empfehlen.

GFT auf der Cebit 1999

Der Messestand von GFT auf der Cebit 1999. Ulrich Dietz, Emanuel Haufe und Sandra Strüwing von GFT im Gespräch mit dem Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg, Walter Döring (von links).

Where ist the beef?

Eine unvergessene Lektion erteilte mir auf der Cebit der Handelsblatt-Journalist Rudi Kulzer. Stolz präsentierten wir ihm unsere Lösungen mit all den tollen technischen Features, und seine wiederkehrende Frage lautete nur: „Where is the beef?“. Ich lernte daraus: Wenn die eigenen Techniker und Vertriebsleute in ihre Lösungen und Produkte noch so verliebt sind, heißt das noch lange nicht, dass sie einen Journalisten und seine Leser interessieren. Es gilt vielmehr Geschichten zu erzählen, die relevant sind. Haben wir gemacht und wurden ein Jahr später als Ergebnis einer Redaktionsreise nach New York mit einem Bericht über eine Drittel Seite im Handelsblatt belohnt.

Fotoshooting für Wiwo-Titel

Gut im Gedächtnis ist mir auch ein Fotoshooting im Foyer des Convention Centers Ende Februar 2000. Für das Titelbild bat die Wirtschaftswoche die Chefs der bekannten Unternehmen am Neuen Markt („Deutschlands Web-Elite“) gemeinsam vor die Kamera – eine Chance, die wir natürlich nicht ungenutzt lassen wollten. Deshalb setzten wir alle Hebel in Bewegung, um unseren CEO von einem wichtigen Kundentermin in Frankfurt rechtzeitig nach Hannover zu bekommen. Doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Das Shooting fand ohne ihn statt und er kam an, als der Fotograf seine Ausrüstung gerade zusammengepackt hatte. Wir hatten Glück: Er packte sie wieder aus und machte eine Einzelaufnahme. Die wurde dann später mit ins Titelbild montiert. Nur wenige Wochen später implodierte der Neue Markt und die Börsenkurse stürzten in den Keller. Aufregende Zeiten waren das damals.

Neue Formate: Bloggerkonferenzen und Code_n

Ab 2003 hatte ich dann keinen beruflichen Anlass mehr, zur Cebit zu reisen. Die Kunden von candid waren auf anderen Leitmessen präsent. Jasmin fuhr 2015 nach Hannover: Sie nahm an der Bloggerkonferenz „Rock the Blog“ teil, die im Rahmen der Cebit stattfand. Dort besuchte sie auch die ehemaligen GFT-Kollegen, die mittlerweile den Innovationswettbewerb Code_n stemmten. Der Wettbewerb füllte eine ganze Halle und brachte ab 2012 nochmal für vier Jahre frischen Wind auf die Messe. Dann suchte er sich ein neues Zuhause. Es war Zeit. Zeit für etwas Neues.

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

» candid News » Erinnerungen an die Cebit
Am 29. November 2018
Von
, , , ,

Eine Antwort auf "Erinnerungen an die Cebit"

  1. Su Franke sagt:

    So ein schöner Rückblick. Meine erste cebit organisierte ich 1999 für JBA, damals wurde die ganze Marketingabteilung entlassen. Natürlich vor dem gigantischen Messeauftritt mit 200 qm. Sie hatten ja noch eine unerfahrene Marketing Assistentin, mich. Im 2000 kam ich zu GFT und bewunderte dich für deine Arbeit. Was ich bis heute tue. Lassen wir das alte Monster Cebit gehen und bewahren unsre Freundschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

«