Emojis können Leben retten

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Früher mussten sich Handynutzer mit Emoticons begnügen. Die nüchternen Punkt-Strich-Klammer-Kombinationen sollten dem Empfänger einer SMS helfen, zwischen den Zeilen zu lesen. Seit Softewareentwickler aus Japan Emojis (japanisch für „Bilderbuchstaben“) entwickelt haben, sind die Nachrichten bunter geworden. Und nicht nur die.

 

Ruf zurück.
Zwei Worte. Eine Botschaft. Punkt.

Es gab Zeiten, da sahen die Handy-Nachrichten meiner Mutter genau so aus. Anfangs lösten sie Panik und unverzügliche Rückrufe aus. Was war passiert? Was konnte so schlimm sein, dass ihr nur noch Zeit für diese einzigen zwei Worte blieb? Während es in der Leitung tutete, kreierte mein Gehirn wilde Horrorszenarien…

Hallihallo. Ach, Du. Ja, ne. Nö, nichts Schlimmes. Wollte nur wissen…

Smiley entschärft Nachrichten

Durchatmen. Keine Katastrophen, kein Notfall, sondern – sagen wir – pragmatischer Minimalismus. Warum unnötige Energie mit dem lästigen Gefriemel auf den Mini-Handytasten verschwenden? Ziel wurde ja auch so erreicht. Heute besitzt meine Mutter ein Smartphone mit praktischem Touchscreen. Und siehe da, die Botschaften werden kreativer. Der Start in den Urlaub wird mit einem Flugzeug verkündet. Der Speiseplan für den Wochenendbesuch bildlich vorausgeschickt. Und Nachrichten, die früher Panikattacken auslösten, werden heute mit einem lachenden Smiley entschärft. Einmal Tippen auf den Bildschirm genügt. Es leben die Emojis. So nennt man die kleinen Piktogramme, die bunten Bildchen fürs Smartphone.

Die Pixelhaufen haben nicht nur die mobile Mutter-Tochter-Verständigung entspannt. Sie halten Einzug in alle Bereiche der Kommunikation. Längst beschäftigen sich Sprachwissenschaftler mit Froschköpfen, weinenden Smileys und braunen Haufen mit Gesicht. Sogar die Frage, ob sich die Nutzer von Emojis und Emoticons mit Nase (also „;-)“) von denen ohne („;)“) unterscheiden, wurde bereits analysiert. Anatol Stefanowitsch, Professor an der FU Berlin, ist einer der Wissenschaftler. War er mit seinen Studien zu quantitativer Korpuslinguistik in Publikumsmedien bislang eher weniger aufgefallen, rennen ihm die Journalisten gerade die Bude ein. Stefanowitsch will wissen, welche Bedeutung Emojis in unserer Kommunikation haben und wertet dazu Dialoge in sozialen Netzwerken aus. Die gute Nachricht: Laut dem Professor ist unsere Schriftsprache nicht bedroht. Emojis ersetzten meist keine Wörter, sagt er. Aber: Sie schafften Assoziationen. Sie helfen dem Empfänger, sich in die Situation des Absenders zu versetzen. Beispiel?

Mutter: Wanderurlaub ist toll. Papa hat seine Schuhe zuhause vergessen.
Noch Fragen?

Oder wie die Zeit Stefanowitschs Studie interpretiert. „Emojis geben der Schriftsprache eine neue Ebene.“ Mehr noch: Sie ermöglichten, „das gesprochene Wort in manchen Momenten zu übertrumpfen“. „Emojis funktionieren da, wo Worte an ihre Grenzen stoßen“, bringt es Tyler Schnoebelen, Sprachwissenschafter an der Universität Stanford, gegenüber der NZZ auf den Punkt.

Tweet verbreitet sich millionenfach

Wenn diese kleinen Bildchen also mehr sagen als manch gesprochenes oder geschriebenes Wort, dann müsste das doch auch in der PR funktionieren. Dachte man sich jüngst bei General Motors. Und landete einen Marketing-Erfolg: Das Unternehmen bewarb die neue Generation des Chevrolet Cruze mit einer Pressemitteilung, die fast komplett mit Emojis verfasst war. Auch wenn der Inhalt der PM selbst Social-Media-Freaks zunächst verborgen blieb, Aufmerksamkeit war GM garantiert. Der Tweet mit dem Hashtag #ChevyGoesEmoji verbreitete sich millionenfach bei Twitter. Tags darauf veröffentliche General Motors die Übersetzung. So ganz ohne gesprochenes oder geschriebenes Wort geht es halt doch nicht.

Wer seine Bildsprache ein wenig verbessern will, findet aber Unterstützung – natürlich im Netz. Eine Übersetzungshilfe Englisch – Emoji ist dort zu finden.

Auch der Social Media Manager der Tour de France hat einen Narren an Emojis gefressen: Klatschende Hände, schwitzende Smileys und Äffchen, die die Augen vor dem nächsten Berganstieg verschließen, illustrieren seine Tweets über das Renngeschehen. Wie ließe sich der aktuelle Zwischenstand auf der Strecke auch besser darstellen als so?

 

Hackbällchen als Botschaft

Und während die Sprachwissenschaftler unterdessen weiter über die Bedeutung der Emojis rätseln, ist Marco Hüsges schon beim Zählen. Beim Geldzählen. Der Groß- und Außenhandelskaufmann aus Meerbusch hat sich Emojis nämlich als Marke für bestimmte Produktgruppen sichern lassen. Ein kompliziertes rechtliches Konstrukt, das ihm ordentlich Einnahmen bescheren soll, wenn die kleinen Bildchen als Werbeträger benutzt werden, berichtet das Marketingfachblatt w&v. Die Möbelkette IKEA dürfte das nicht interessieren. Sie hat bereits ihre eigenen Emojis – herunterzuladen im App-Store. Denn auch ein Hackbällchen sagt manchmal mehr als tausend Worte.

Wer kein Möbelimperium besitzt und trotzdem sein eigenes Emoji will, der kann es mit einer Email an eine internationale Kommission von Software-Herstellern versuchen. Unicode hat bereits mehr als 700 Symbole offiziell anerkannt und will Mitte 2016 Ergänzungen zulassen. Mögliche Kandidaten: eine Avocado, ein Clown-Gesicht oder eine Schwangere. Überlebenswichtig ist aber wohl nur ein einziges Symbol, das sogar mit der guten alten Handytastatur zu tippen ist: 😉
Beispiel gefällig?

Mutter: Ich ziehe bei Euch ein.

😉

Über Monika Schmich

Themen erfassen. Schnell umsetzen. Mit der Zielgruppe im Blick. Journalismus trifft PR.

» Fachliches » Emojis können Leben retten
Am 14. Juli 2015
Von
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3 Antworten auf "Emojis können Leben retten"

  1. Belinda Steinle sagt:

    Herzlichen Glückwunsch Candid! HIer habt ihr einen Treffer gelandet. Ich habe ja jetzt schon mehrere Texte von Monika Schmich lesen dürfen – ich bin begeistert! 🙂 Weiter so! Und P.S.: Meine Eltern nutzen seit einem halben Jahr auch WhatsApp – Emojis inklusive. Das rockt! 😀

  2. Sandra sagt:

    Danke, Belinda. In der Tat freuen wir uns hier alle sehr über die Bereicherung im Team. So eine leichte journalistische Schreibe ist dann doch nochmal was anderes als unsere PR-Schreibe, die auch schon auf sehr hohem Niveau ist. Aber das könnte ein extra Blog-Beitrag werden…

  3. Andrea sagt:

    Es gibt auch schon Emojis für Kunstgeschichte! Das Art-Magazin berichtet drüber: http://www.art-magazin.de/blog/2015/07/21/emojis-schreiben-kunstgeschichte/. Schön finde ich auch ihren Zusatz bei der Quellenangabe: Der ultimative Crashkurs „Kunstgeschichte“ für Smartphone-Geschädigte.

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