Plenarsaal Berlin

Die politische Rede: Warum sie meist keinen Spaß macht

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Gelesen habe ich „Das Hohe Haus“ von Roger Willemsen schon vor einer Weile, nämlich unmittelbar nachdem ich im Oktober 2014 mit dem Augsburger Presseclub auf einer politischen Informationsreise in Berlin gewesen war. Dass ich jetzt über das Buch blogge, hat mit der „Wut-Rede“ von Christian Lindner im Landtag von NRW am 1. Februar zu tun. Offenbar hat der FDP-Bundesvorsitzende damit einen Nerv getroffen. Doch warum eigentlich?

Es liegt wohl daran, dass wir Bürger den glattpolierten, nicht selten leidenschaftslos abgelesenen Reden der Politiker überdrüssig sind. Willemsen schildert die ermüdende Langeweile gut, die in den deutschen Parlamenten herrscht: „Viele unterstellen dem Bundestag Langeweile, halten ihn für einen Profanbau der nutzlosen Rede, ein bisschen Circus Maximus, ein bisschen Cloaca Maxima.“ Die Verwaltung der Langeweile, so schreibt er, sei ein Berufsmerkmal des Parlamentariers.

Die Sprache geht an den Menschen vorbei

Ein Jahr lang – von Januar bis Dezember 2013 – hat der Publizist von der Zuschauertribüne aus die Debatten im Deutschen Bundestag verfolgt und 50.000 Seiten Parlamentsprotokolle gewälzt. Das Grundproblem der parlamentarischen Rede? „Sie erreicht ihre Adressaten nicht, denn sie kennt sie nicht.“ Die Sprache geht an den Menschen vorbei. Willemsen stellt zurecht die Frage: „Eine Mediengesellschaft wollen wir sein, wählen Menschen mit dem Privileg, zum Volk zu reden – und dann reden sie so?“ Über die rund 13.000 Reden, die in einer Legislaturperiode gehalten werden, schreibt er: „Sie alle bilden mit der Zeit Genres, ähneln einander, klingen haltbar gemacht.“ Eben Monokultur statt Vielfalt.

Über die Auftritte der Bundeskanzlerin urteilt er lakonisch: „Merkel steht auch dafür, politische Anästhesien zu erzeugen. Sie chloroformiert ihr Publikum.“ Oder: „Linguistisch würde man sagen, bei ihr wird der Sprechakt nur bezeichnet, nicht durchgeführt. Sie sagt, dass sie sagt, was sie gesagt hat.“ Und an anderer Stelle:

„Es ist nicht Unbeholfenheit, es ist Kalkül: Die Kanzlerin hält Reden weitgehend frei von Ideen, selbst frei von Einfällen, weil sie sie nicht braucht. Lieber redet sie in Feststellungen oder hält bloß scheinbar den Sprechverkehr aufrecht, bewegt die Saalluft durch Einatmen-Ausatmen. Im Grunde sabotiert sie das Kommunikationsmodell, denn sie ist nicht die, die spricht: die Sprecherin lobt sich unablässig, doch eitel ist Merkel nicht. Sie sieht auch kein Gegenüber, denn dieses wäre von so viel Eigenlob nicht zu bewegen, und sie spricht dediziert so unambitioniert, wie eine, in der die Sprache kein Zuhause hat. Es ist das Erfolgsrezept der Glanzlosigkeit, also auch eines Landes, das sich im Pragmatismus feiert.“

Zwischenruf als wertschätzende Reaktion?

Kein Wunder also, dass nicht mal im Plenum zugehört wird. Während der Redner am Pult seine Position vorträgt, blickt er häufig in leere Reihen. Die Anwesenden ignorieren ihn, hören nicht zu, sondern beschäftigen sich mit anderen Dingen. Da gerät ein Zwischenruf – und sei er noch so hämisch – schon zu einer wertschätzenden Reaktion. Wohl dem, der das spontan zu nutzen weiß.

„Es schadet dem Parlament nicht, sich so zu zeigen.“

Lindner gelang das auf erfrischende Art und Weise. Er spricht im Düsseldorfer Landtag gerade über den Rückstand der digitalen Entwicklung des Landes, über den Stellenwert von Unternehmensgründungen und Gründergeist, als es von der Hinterbank tönt: „Da haben Sie ja Erfahrung“. Das spielt auf Lindners unternehmerische Vergangenheit an: 2001 scheiterte er – wie so viele zur Hochzeit des Neuen Marktes – mit einer Internetfirma. Lindner steigt drauf ein. Das Thema bewegt ihn, persönlich. Man spürt das. Solche Momente gehören im politischen Betrieb zu den sympathischen, menschlichen. Willemsen hat nur wenige davon als Parlamentsgast erlebt bzw. geschildert: „Und so tut sich zuletzt im Politischen Persönliches auf […] Es schadet dem Parlament nicht, sich so zu zeigen.“ Gerade weil es im politischen Betrieb offenbar so ungewöhnlich ist, springen auch die Medien darauf an. Die Wutrede, die keine Wutrede ist, wie Roland Tichy richtig ausführt, wird zum viralen Hit.

„Das hat Spaß gemacht!“ schließt Christian Lindner seinen Exkurs. Stimmt, bitte mehr davon.

Lindner_Twitter

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 6. Februar 2015
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