Schriftzug "New York Times" vor Pfälzer Landschaft

Die New York Times hat deutsche Wurzeln

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Am ersten Adventssonntag spielt mir meine Timeline einen Tweet zu mit dem Hinweis auf eine Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Es handelt sich um die Laudatio auf die New York Times, die in diesem Jahr den Marion-Dönhoff-Preis für internationale Verständigung und Versöhnung erhielt. Eine Randbemerkung lässt mich aufhorchen: Steinmeier geht auf die lange und vielschichtige Geschichte ein, die uns Deutsche mit der New York Times verbindet.

„Diese lange Geschichte reicht zurück bis zu einer gewissen Bertha Levy aus Landau, die in den Wirren der deutschen Revolution von 1848 nach Amerika auswandert und in Nashville, Tennessee, einen Julius Ochs aus Fürth kennenlernt […] Deren gemeinsamer Sohn Adolph Ochs, bringt als blutjunger Mann erst die Chattanooga Times auf Vordermann und erwirbt dann, 1898, mit geborgten 75.000 Dollar die strauchelnde New York Times. Gegen die größere, aggressive, reißerische Konkurrenz der Yellow Press setzt er eine andere, fast tollkühne Vision: „All the News That’s Fit to Print“. Mit Arthur Ochs Sulzberger Jr. steht heute der Urenkel an der Spitze der Zeitung – in vierter Generation.

Die Ururgroßmutter der New York Times stammt aus Landau

Bertha Levy aus Landau. Wenn es sich um Landau in der Pfalz handelte, dann hätte ich einen schönen Aufhänger, um an der ersten Pfälzer Blogparade von Petra Hirsch vom Boutique-Hotel Maximilians in Landau teilzunehmen. Meine Neugier ist geweckt und ich beginne zu recherchieren. Auf der Website www.findagrave.com stoße ich auf ein Bild ihres Grabsteins. Geboren ist Bertha Levy Ochs demnach am 3. Dezember 1833 in Landau, Bavaria. Die bayerischen Wurzeln sind also verbrieft. Aber: Neben Landau in der Pfalz, das von 1816 bis 1946 bayerisch war, gibt es noch Landau an der Isar. Und ausgerechnet diesem niederbayerischen Landau schreibt Carlos Widmann unsere Bertha in seinem lesenswerten Porträt „Graue Lady im Techno-Fieber“, erschienen im Spiegel (21/2002), zu. Die Autorität des Spiegels anzweifeln? Kann man schon mal machen. Schließlich hänge ich schon jetzt an meiner Geschichte, die noch gar keine ist, und will sie nicht so schnell verwerfen. Also weiter im Netz graben. Diverse Genealogie-Plattformen geben als Berthas Geburtsort Landau, Rheinland-Pfalz, an oder Landau, rheinisch. Auch in einem historischen Aufsatz wird Bertha als gebürtige Pfälzerin bezeichnet. Ebenso in der Süddeutschen Zeitung. Na also, Geschichte gerettet.

Bertha flüchtet nach Amerika

Gehen wir also davon aus, dass Bertha aus der großen jüdischen Gemeinde stammt, die im 19. Jahrhundert in Landau in der Pfalz zuhause war. 458 Mitglieder aus 92 Familien zählte diese Gemeinde im Jahr 1847. Bertha ist da gerade einmal 14 Jahre alt. Ihr Vater, ein Schneider und Kaufmann, schickt sie offenbar zur Ausbildung nach Heidelberg. Die Universitätsstadt ist zu dieser Zeit geprägt von Studentenprotesten, die in der Märzrevolution von 1848 münden. Die jungen Menschen fordern Pressefreiheit, Gewissens- und Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, die Trennung von Verwaltung und Justiz, öffentliche Gerichtsverfahren und Schwurgerichte, allgemeine Volksbewaffnung, eine nationale Einheit und den Verfassungsstaat. Preußische Truppen, die der badische Großherzog zur Hilfe gerufen hatte, schlagen den Aufstand der liberalen Freischärler schließlich nieder. Und Bertha mitten drin. Sie soll ihr Taschentuch in das Blut eines getöteten Kameraden getaucht und damit demonstrativ ihre Solidarität bekundet haben – ein rebellisches politisches Statement gegen die Obrigkeit. Ihr droht Arrest. Um dem zu entkommen, flieht sie außer Landes. Ihr Ziel: Natchez, Mississippi, wo sie bei einem Onkel unterkommt.

Bertha und Julis Ochs – eine ungewöhnliche Ehe

Ihre Eltern folgen und 1854 hat sich die Familie in Nashville, Tennessee, niedergelassen. Dort begegnet Bertha Julius Ochs, der zehn Jahre zuvor aus dem bayerischen Fürth in die neue Welt ausgewandert war. Er entstammt einer intellektuellen Familie, ist gut gebildet, beherrscht sechs Sprachen fließend und unterrichtet Französisch. Die beiden heiraten 1855 – der Beginn einer ungewöhnlichen Ehe.

Südstaaten-Sympathisantin verheiratet mit Nordstaaten-Soldat

Wir befinden uns in der Zeit unmittelbar vor dem Sezessionskrieg (1861-1865), dem militärischen Konflikt zwischen den aus den Vereinigten Staaten ausgetretenen, in der Konföderation vereinigten Südstaaten und den in der Union verbliebenen Nordstaaten. Die tiefe Spaltung zwischen Nord- und Südstaaten polarisiert auch die Eheleute Levy-Ochs. Julius kämpft auf Seite der Nordstaaten für die Abschaffung der Sklaverei, die er zutiefst verabscheut, und bringt es als Soldat zum Hauptmann der Union. Berthas jugendlicher Hang zum Liberalismus scheint hingegen nur ein Intermezzo gewesen zu sein. Sie sympathisiert mit den Konföderierten und wird von Chronisten als konservativ und dogmatisch beschrieben, die Schwarze geringschätzt.

Einmal, so heißt es, wird sie geschnappt und verhaftet, als sie Chinin zur konföderierten Armee auf der anderen Seite des Ohio-Flusses schmuggelt. Sie hat den Arzneistoff auf dem Boden des Kinderwagens versteckt, in dem ihr drittgeborenes Baby liegt. Die Ironie will es, dass der patriotische Vater dem Buben den Namen George Washington gab. Nur die Tatsache, dass sie mit einem loyalen Union-Soldaten verheiratet ist, bewahrt Bertha davor, eingesperrt zu werden.

Diese gegensätzlichen politischen Positionen scheinen sich durch das ganze Leben der Beiden hindurchgezogen zu haben. Auf dem Begräbnis von Julius im Jahr 1888 waren die Veteranen der Unions-Armee zahlreich vertreten. Als Berta am 31. Januar 1908 in New York stirbt und in Chattanooga zu Grabe getragen wird, wird sie von einer Abordnung der „Daughters of the Confederacy“ begleitet, und ihren Sarg bedeckt die Südstaaten-Flagge, so wie sie sich das gewünscht hat. Auch die Grabinschriften geben Auskunft über ihre gegensätzlichen Haltungen. Über Julius heißt es: „Er liebte das Land, das ihn aufnahm und diente ihm tapfer. Er war begabt, gebildet, großmütig und rein, ein duldsamer Vater, ein vorbildlicher Ehemann, ein echter Menschenfreund und ein gottesfürchtiger Mann.“ Und bei Berta: „Ein genialer Geist, eine reine Seele, überströmend vor Liebe zu Gott, ihrer Familie und zum Süden“.

Adolph Simon Ochs: der Sohn seiner Mutter

Familie Ochs

Julius und Bertha (Levy) Ochs mit fünf ihrer insgesamt sieben Kindern: Adolph Simon Ochs (1858-1935), Nannie Bertha Ochs (1860-1947), George Washington Ochs-Oakes (1862-1931), Milton Barlow (1864-1955) und Ada (1866-1956). Das Bild wurde 1867 aufgenommen, da war Mattie (1868-1963) noch nicht geboren; Fotograf unbekannt. Quelle: Hebrew Heritage Foundation. Public domain (no rights reserved).

Trotz des offensichtlichen Konflikts, brach die Familie nicht auseinander. Bertha und Julius bekommen insgesamt sieben Kinder. Der Erstgeborene stirbt ganz jung an Scharlach. Seine Rolle nimmt der Zweitgeborene ein: Adolph Simon Ochs, der am 12. März 1858 auf die Welt kommt. Bertha richtet all ihre Energie und Ambitionen auf ihn. Und das wird belohnt: Schon als elfjähriger Junge trägt Adolph zur Finanzierung des Familienhaushalts bei, indem er Zeitungen austrägt. Er macht eine Druckerausbildung, arbeitet als Setzer und erwirbt mit geborgtem Geld zunächst die Chattanooga Times, 1896 (zwei Jahre früher als von Bundespräsident Steinmeier angeführt) dann die kränkelnde New York Times. Der Rest ist Zeitungsgeschichte.

Mutter und Sohn verbindet zeitlebens eine besonders feste Beziehung. Sie hat großen Einfluss auf ihn. „Alles, was ich im Leben erreicht habe, verdanke ich ihr“, sagt Adolph über sie. „Sie ist meine Inspiration, mein Trost und die Schöpferin all dessen, was mir Selbstwertgefühl gibt.“

Erfolgreiche Deutschamerikaner mit pfälzischen Wurzeln

Weshalb ich diese Geschichte erzähle? Weil Bertha Levy Ochs eine beeindruckende Persönlichkeit ist, sie in der Liste der Landauer Persönlichkeiten aber leider – Stand heute –nicht geführt wird. Weil sie als Frau selbstbewusst ihren Weg verfolgte – und das in einer Zeit, in der das nicht selbstverständlich war. Weil Bertha nur ein Beispiel für die vielen Menschen ist, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Pfalz verlassen und nach Nordamerika gegangen sind. So wie viele Menschen, die heute und immer schon ihre Heimat verlassen, um woanders ein besseres Leben zu finden. Einige aus politischen Gründen. Einige würden wir heute despektierlich als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. Dabei haben es einige Deutschamerikaner mit pfälzischen Wurzeln – so wie Berthas Familie – über die Generationen zu etwas gebracht und als Immigranten Erfolgsgeschichten geschrieben. Die Familie des Lebensmittelunternehmers Heinz zum Beispiel. Oder die Großeltern von US-Präsident Donald Trump. Petra hat darüber schon einmal gebloggt. Oder wie Thomas Nast (1840-1902), der seine Geburtsstadt Landau 1846 verließ und sich in Amerika einen Namen als Pressezeichner, Illustrator und politischer Karikaturist gemacht hat. Er gilt zum Beispiel als Schöpfer des Abbilds von Santa Claus, wie wir es heute kennen. Aber das ist eine andere Geschichte. Ob er und Bertha sich jemals begegnet sind?

 

Mehr Lesestoff über die Geschichte der New York Times und die Verleger-Dynastie Ochs Sulzberger gibt es dank Google Books in voller Länge hier:

Susan E. Tifft, Alex S. Jones: „The Trust. The Private and Powerful Family Behind the New York Times“

Gay Talese: „The Kingdom and the Power: Behind the Scenes at The New York Times“

 

Und wer mehr über die Pfalz lesen möchte, findet in der „Ersten Pfälzer Blogparade“ ein schönes Potpourri an Themen.

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 10. Dezember 2017
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4 Antworten auf "Die New York Times hat deutsche Wurzeln"

  1. Was für ein wundervoller und gewohnt stilistisch perfekter Beitrag.

    Liebe Sandra, du bist und bleibst eben ein Kommunikationsprofi.
    Danke für diese Geschichte, die perfekt in die Vorweihnachtszeit passt. Und in unsere Erste Pfälzer Blogparade. Warum? il Sie interessant und informativ ist, nachdenklich stimmt und zugleich unterhält.
    Besonders gefällt mir persönlich der Schluss-Absatz . Mit dem gekonnt eingebundenen aktuellen Bezug und der Hommage an eine mutige Frau….

    Danke, dass du unser Maximilians begleitest. Danke für deinen Beitrag zu „meiner“ Ersten Pfälzer Blogparade.

    Liebe Grüße
    Petra

  2. Sandra sagt:

    Vergangenen Sonntag diesen Blogpost veröffentlicht und vier Tage später ist zumindest ein Satz davon mit dieser Meldung überholt: http://money.cnn.com/2017/12/14/media/ag-sulzberger-new-york-times-publisher/index.html

  3. […] “Die New York Times hat deutsche Wurzeln” […]

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