„Wer ist hier der Tote?“ – Augsburger Mediengespräche über TV im Umbruch

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Das Publikum bei den 13. Augsburger Mediengesprächen entsprach diesmal nicht ganz der Altersklasse der typischen TV-Zuschauer – „zwischen 30 und tot“ (Kai Blasberg). Vereinzelt saßen dort auch Kinder und Jugendliche. Sie waren wegen ihrer Stars gekommen, den Youtubern Joyce Ilg und Sebastian Meichsner, die auf dem Podium zum Thema „TV im Umbruch – Wie Youtube, Netflix und Co. die Fernsehwelt verändern“ mitdiskutierten. Ob sie wirklich am Thema interessiert waren? Vielleicht doch mehr an einem Autogramm oder Selfie mit ihren Helden, deren Namen ich bis dato nicht einmal kannte. Auf alle Fälle saßen mit diesen Jugendlichen einige Vertreter der Zielgruppe im Publikum, deren TV-Konsumverhalten überhaupt erst Anlass für die Diskussion dieses Abends gab.

Weitere Gäste auf dem Podium waren neben den beiden Youtube-Stars noch Claudia Wegener, Professorin für Digitale Medienkultur und Medienwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“, Tele-5-Geschäftsführer Kai Blasberg und Jannis Kucharz, Gründer und Herausgeber von netzfeuilleton.de. Mit diesen Gästen wollte Moderatorin Silvia Laubenbacher der Frage nachgehen, wie Youtube, Netflix und Co. die Fernsehlandschaft verändern.

Wer eine hitzige Diskussion oder wenigstens ein paar Comedy-Einlagen der beiden Youtuber erwartete, der wurde enttäuscht. Zwar hätte sich Blasberg gerne mit jemandem vom ZDF gestritten (weil er ZDFneo für „Bullshit“ hält), aber von denen war leider keiner da. Und so richtig lebhaft an der Diskussion beteiligte sich außer ihm auch nur Joyce Ilg. Die Schauspielerin und Moderatorin, die mit 970.000 Abonnenten eine große Fangemeinde hat, sieht selbst – ebenso wie ihr Kollege Sebastian Meichsner – kaum noch fern („nur Events, die nur dort zu sehen sind“). Sie glaubt aber nicht, dass das Fernsehen ganz aussterben wird – eben dort, wo es schneller ist, also bei Live-Shows oder Fußballübertragungen wird es weiter sein Publikum haben. Bei Serien dagegen sei das Internet schneller und die Zuschauer wollen eben nicht warten.

Youtube als Karrieresprungbrett?

Von Sebastian Meichsner, der mit Bullshit-TV berühmt wurde, kamen recht wenige Wortmeldungen. Ob es ihm hier zu ernst zuging? Oder weil in seiner Brust kein reines Youtuber-Herz mehr schlägt? Immerhin ist er inzwischen auch für den TV-Sender Sky tätig. Einen Seitenwechsel ins Fernsehen kommt für Ilg derzeit nicht in Frage. Dort gibt es zwar mehr Geld für Produktionen, aber auch eine größere Abhängigkeit, was die Inhalte betrifft. Und da will sie lieber ihren Zuschauern treu bleiben, deren Feedback für sie extrem wichtig und inspirierend ist: „Die Zuschauer können dadurch auch Inhalte mitbestimmen.“ Weil sie ehrlich und nahbar wirken, kommen die Youtuber bei den Jugendlichen auch so gut an, meint Prof. Wegener: „Sie sind die virtuellen Freunde der Jugendlichen und kennen ihre Themen.“

Und das Fernsehen? Das biete zwar viel für Kinder, so Blasberg, aber für Jugendliche gäbe es dort fast nichts, in dem sie sich wiederfinden oder mit dem sie sich von den Erwachsenen abgrenzen können. Weshalb die sich dann Youtube und Co. zuwenden. Allerdings ist er zuversichtlich, dass diese Zielgruppe wieder zum Fernsehen zurückkommen wird, wenn sie älter werden, selbst Kinder haben und andere Bedürfnisse erfüllen müssen. Zukunftsängste hat er keine. Trends aus den USA, wie es RTL II mit einem Game-of-Thrones-Wochenende gemacht hat, will er dabei nicht folgen. Schließlich glaubt er, dass das beste Fernsehen der Welt in Deutschland gemacht werde.

Wenn der Hunger kommt …

In einem waren sich Youtuber, Blogger und Fernsehleute schließlich doch einig: Es sind die Inhalte, die zählen. Dabei gehe es weniger um Qualität als um das, was die Zielgruppe interessiert. Das Publikum will unterhalten werden. Und Daily Soaps gibt es im linearen Fernsehen ebenso wie auf Youtube. Die Frage ist nur, ob sich das Publikum in Zukunft die Inhalte noch im linearen Fernsehen mit festem Programmschema anschauen wird oder nicht doch lieber On-Demand, sei es nun in der Mediathek oder auf Youtube. Joyce Ilg bringt es mit einem Vergleich zum Essen auf den Punkt: „Bei meiner Oma steht jeden Abend das Essen um 18 Uhr auf dem Tisch. Ich esse, wenn ich Hunger habe.“

Hunger hatte das Publikum dann am Ende der Podiumsdiskussion wohl auch. Von dem Angebot Fragen zu stellen, machte jedenfalls niemand Gebrauch. Die älteren Zuhörer eilten in den Goldenen Saal zu den Häppchen, während die jüngeren endlich ihren Selfie-Hunger mit ihren Youtube-Stars stillen konnten.

Die Mediengespräche wurden übrigens aufgezeichnet und werden am kommenden Samstag um 21 Uhr und am Sonntag um 19 Uhr auf a.tv zu sehen sein. Leider nicht On-Demand …

Über Andrea Finkel

Die Komma-Queen: begeistert sich für alles, was mit Sprache zu tun hat – auch Grammatik und Rechtschreibung. Komplexe Themen wecken ihren Ehrgeiz.

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Am 6. Oktober 2015
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