Ja hoi? Warum Oberbayern uns Augsburger sprachlich verderben

Augschburg, Fachliches Kommentare (6)

Die deutsche Gegenwartssprache soll einen Umfang von etwa 300.000 bis 500.000 Wörter haben. Genau nachgezählt hat das noch niemand. Nicht mal die Duden-Redaktion. Macht aber nichts. Denn den meisten ist das eh zu viel an Buchstaben-Salat. Der deutsche Durchschnittsprecher kennt laut Duden gerade mal 50.000 Wörter. Aktiv genutzt werden von ihm sogar nur 12.000 bis 16.000 Wörter.

Soweit zum Durchschnitt. Jetzt zum Augsburger.

Will man etwas über die Stadt zwischen Lech und Wertach, über ihre Menschen und deren Lebensgefühl schreiben, dann kommt man am Thema Sprache nicht vorbei. Und weil für uns in der PR-Agentur candid communications der Umgang mit Wörtern und Texten tägliches Geschäft ist, weil wir gerne mit Sprache hantieren und experimentieren, wollen wir uns im Rahmen unserer Blogparade „Augsburg bloggt“ genau diesem Thema widmen. Möge die Parade beginnen.

Einen Monat lang werden leidenschaftliche Augsburger, Zuazogne, Schon-immer-hier-Gewesene, Exil-Schwaben, Unternehmen und Organisationen über IHR Augsburg schreiben. Den Anfang machen wir.

Die Augsburger Sprache also.

Man könnte an dieser Stelle viel über all die kuriosen Wörter sagen, die Ureinwohnern über die Lippen kommen: Batschlach (Pfütze), Gebefzgere (Gegrummel) oder Schlabbrr (offener Schuh). Aber das haben andere schon zur Genüge getan. Hitradio.rt1 hat ihnen sogar ein eigenes Lied, den „Augschburg Beat“, gewidmet.

Man könnte sich als Zugereister lustig machen über die zischenden Verben: hasch, machsch, woisch. Oder über das rollende R, das einem nicht nur in der „Strossaboa“ begegnet, wenn die 4er stadtauswärts fährt, die Frauenstimme mit schwäbischem Einschlag aus den Lautsprechern dröhnt und die nächste Haltestelle ankündigt: P-L-Ä-RRRRR-E-RRRRR. Aber nein, wir wollen uns nicht lustig machen.

Viel interessanter: Der Augsburger verfügt über einen unermesslichen Schatz in seinem sprachlichen Repertoire. Während andere 12.000 bis 16.000 Wörter brauchen, reichen ihm oft drei Buchstaben: Hoi! Es ist ein Universal-Wort, das immer geht: bei Freude, Wut, Erstaunen, Verwunderung, Fassungslosigkeit – und notfalls auch bei Sprachlosigkeit. Eine Interjektion, wie Sprachwissenschaftler sagen, deren Bedeutung sich erst beim Aussprechen erschließt. Ein langgezogenes „Hoooooiii“ unterstrichen durch reumütig dreinblickende Rehaugen steht in völlig anderem Kontext als ein spitzes, fragendes „Hoi“ mit abschätzigem Blick. Laut Jürgen Dillmann ist das Wörtchen allerdings gar nicht schwäbischen Ursprungs, sondern stammt aus dem Holländischen. Angeblich geht es auf den Seemannsgruß Ahoi zurück. Hoi?

Der Augsburger Dialekt – ein Feld, auf dem bereits viel geforscht, zu dem viel geschrieben und noch mehr gesagt wurde. Doch geht man weg von der reinen Beschreibung, warum der Fuggerstädter nun mal so spricht wie er spricht, und richtet den Blick nach vorne, dann kommt man zwangsläufig zu der Frage, wie zeitgemäß Mundart in unserer Stadt überhaupt ist. In einer Stadt, in der fast jeder fünfte Bürger einen Migrationshintergrund hat, in der viele nicht zu den deutschen Durchschnittssprechern gehören, sondern sich ihren Grundwortschatz mühsam erarbeiten müssen. Denen man eher mit leichter Sprache statt mit Dialekt begegnen müsste. In einer Zeit, in der wir mobil und vernetzt sind, in der wir mal eben am anderen Ende der Welt einen Native Speaker an die Strippe bekommen. Hasch mi?

Was nutzen da Wörter, die schon 100 Kilometer weiter keiner mehr versteht? Was bringt ein sprachlicher Akzent, den man im Norden der Republik allenfalls drollig findet? Längst gibt es Business-Seminare, in denen man Kursteilnehmern vermittelt, wie „man trotz Dialekt oder Akzent selbstbewusst argumentieren“ kann. Konzerne wie Daimler schicken ihre Bosse ins Dialektfrei-Training. Sie können eben alles – außer Hochdeutsch. Sollen wir unsere Dialekte also lieber aufgeben? Oder vielleicht gerade deswegen beibehalten?

Klar, dass ein bayerischer CSU-Politiker dazu eine eindeutige Haltung haben muss: „In einer globalisierten, digital vernetzten Welt ist ein festes Fundament wichtig“, sagt Bildungsstaatssekretär Georg Eisenreich (CSU). Und dieses Fundament könne auch der Dialekt sein, meint er. Deswegen will man bei Bayerns Schülern „eine positive Haltung zu ihren sprachlichen Wurzeln fördern“. Dafür gibt es sogar einen Leitfaden, wie man Unterrichtseinheiten rund um das Thema Dialekt gestalten könnte. Kürzlich in der dritten Neuauflage erschienen. Giggele und Untrbombbl statt Sturm und Drang? Ja, woisch…

Auch Augsburgs Wissenschaftler hängen an ihrem Dialekt. Dr. Manfred Renn von der Uni Augsburg zum Beispiel. Er hat „berechtigte Hoffnungen“, dass sich die wirtschaftliche Prosperität des Südens und das daraus resultierende Selbstbewusstsein in der Sprache niederschlagen. Es komme darauf an, dass die Menschen „der einseitig norddeutschen Ausrichtung der deutschen Hochsprache“ begegnen. Ob sich dabei Grischberle oder Muhaggl durchsetzen, ist fraglich. Denn es sind mal wieder die Münchner und Oberbayern, die es uns Augschburgern schwer machen. Der Sprachwissenschaftler Renn bemängelt, dass sie uns gehörig reinreden und unser Dialekt „verbaiert“ sei. Sapperlot!
Wie soll man’s jetzt also halten? Vielleicht wie der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Gino Chiellino . Für ihn ist die Frage, wie man spricht, nicht so wichtig. Ihm geht’s um das Was: „In der Tat versteht man sich nicht, weil man eine Sprache fehlerfrei spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen (…).“ Da bleibt uns am Ende nur eines zu sagen: Hoi…

Über Monika Schmich

Themen erfassen. Schnell umsetzen. Mit der Zielgruppe im Blick. Journalismus trifft PR.

» Augschburg, Fachliches » Ja hoi? Warum Oberbayern uns...
Am 14. September 2015
Von
,

6 Antworten auf "Ja hoi? Warum Oberbayern uns Augsburger sprachlich verderben"

  1. Markus Meier sagt:

    Subbr Sach, des mit dem Augschburg Bloggg 😉

  2. Kristell sagt:

    A woisch, da verreggsch vor Freud übern erschten Beitrag. Pfundig! Und oins wois i gwiß: im Stadion wenn dr FCA spielt, da hauts dirs Augschburgerisch bloß so umd Ohren. Grad schee ischs.

  3. Petra Hirsch sagt:

    Was für ein Auftakt für die Augsburger Blogparade, liebe Monika Schmich!

    Meine (Augschburger) Kollegen haben a bisserl komisch geschaut und sich gewundert. Ich sitze ganz alleine in meinem Büro und lache plötzlich mehrmals laut auf.
    Nun ja, sie kennen mich ja….
    Mit Ihrem Blogpost haben Sie mir den Start in diesen grauen Tag versüßt. Und ganz nebenbei dafür gesorgt, dass ich die Augschburger nun a bisserl besser verstehe.
    Danke!

    Und Markus Meier hat sehr Recht: Subbr Sach candid !

  4. […] Meine Kollegin Monika beginnt die erste Augsburger Blogparade #auxxbloggt mit einem Beitrag zum Augsburger Dialekt. Und heute, am 26. Oktober, 42 Tage und 42 Blogbeiträge später, erklären wir das Blogprojekt […]

  5. […] das bedeutet, könnt Ihr hier nachlesen, der von Monika im Zuge der Augsburger Blogparade entstanden […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »