Fachoberschule

Keine Angst vor Fremden

Pinnwand Kommentare (1)

GASTBEITRAG VON MICHAEL BENČEC

Sie kennen ein Dutzend „Ausländer“? Ich kenne Hunderte. Die meisten davon Schüler, aktuelle und ehemalige. Meine Erfahrungen mit ihnen sind seit Jahren positiv. Deshalb machen mir auch andere Migranten keine Angst.

Geschichte, das ungeliebte Fach

Szenario: Geschichtsunterricht einer elften Klasse. Ich gebe gerade eine Kurzarbeit heraus. Beim Austeilen komme ich zu Ištar [der Name wurde geändert] und lobe sie für ihre tolle Leistung. 14 Punkte, eine glatte Eins. Sie lächelt und verblüfft mich mit der Aussage, dass sie das Fach gar nicht so mag. „Ich muss im Unterricht alles mitschreiben. Zu Hause muss ich es ins Arabische übersetzen, um es zu verstehen. Und dann muss ich es wieder auf Deutsch lernen.“ Ihre Leistungen ließen trotz des hohen Aufwandes nie nach und am Ende des Schuljahres war sie die Klassenbeste in Geschichte, dem Fach, das sie gar nicht so mag.

Lebensgefährliche Heimat

Davor war Ištar gerademal zwei (!) Jahre in Deutschland. Ihre Familie kommt aus Syrien. Sie erinnert sich an einen Bombeneinschlag in ein nahegelegenes Krankenhaus und die zerbrochenen Fensterscheiben der Familienwohnung. Bald war an einen normalen Berufs- oder Schulalltag nicht mehr zu denken und die Wohnung wurde zum Gefängnis. Die Familie floh zunächst in den Libanon, wo Ištar in der Schule keine Prüfungen mitschreiben durfte. Ein Schulabschluss wäre unmöglich gewesen, also ging die Flucht weiter. Dieses Mal in den Oman. Heimweh machte der Familie zu schaffen, auch wegen der kulturellen Einschränkungen für Frauen.

Als dann auch noch bei der kleinen Schwester gesundheitliche Komplikationen auftraten, fiel der Entschluss, nach Deutschland zu fliehen und Asyl zu beantragen. Ištar kam in eine Berufsvorbereitungsklasse an der Berufsschule. Weil sie sich gleichzeitig auf den Qualifizierenden Abschluss der Mittelschule vorbereiten wollte, begann das Mädchen zu sparen, kaufte vom Ersparten QA-Bücher und meldete sich bei einer Nachhilfelehrerin an. Ihr Fleiß wurde belohnt und sie hielt im Juli 2014 ihr Zeugnis in Händen. Mit ihren alten Freunden in Aleppo konnte sie die Freude nicht teilen. Die hatten andere Probleme.

Panzer

Zum vierten Mal in der zehnten Klasse

Aus Langeweile brachte sich Ištar in den Sommerferien selber das Zehn-Finger-Tippen bei, an einem PC in der Stadtbücherei. Im neuen Schuljahr besuchte sie zum vierten Mal in ihrem Leben eine zehnte Klasse, diesmal an einer Augsburger Mittelschule. Es fiel ihr schwer, Freunde zu finden. Auch das viele Lesen konnte soziale Kontakte nicht ersetzen. Dank einer Sprachpatin besserte sich die Lage jedoch.

Und dann kam Ištar an die Fachoberschule Augsburg, wo sie in Geschichte Einser schrieb, ohne das Fach wirklich zu mögen. Sie lernte neue Leute kennen, schloss Freundschaften. Trat mit ihrer Geige bei Schulveranstaltungen auf und gewann einen Schreibwettbewerb. Inzwischen hat die junge Frau bei uns nicht nur die fachgebundene, sondern die allgemeine Hochschulreife erlangt.

Wenn ich über ihre Geschichte nachdenke, bin ich froh, dass sie in Augsburg gelandet ist. Augsburg hat einen recht hohen Ausländeranteil. Wir fürchten uns hier nicht vor Ištar und ihrer Familie. Es gibt auch keine Hetzjagden.

Wertvolle Menschen

Im Hinblick auf ihren schulischen Erfolg mag Ištar sicher eine Ausnahme sein. Unabhängig von ihrer Herkunft, denn ihr Abitur ist überdurchschnittlich gut ausgefallen, auch im Vergleich zu Muttersprachlern. Im Hinblick auf ihre menschlichen Qualitäten ist sie eine von vielen tollen Personen, die ich in meiner Zeit als Lehrer kennenlernen durfte. Überrascht es wirklich jemanden, wenn ich betone, dass es sich bei Migrantenkindern um anständige Jugendliche handelt? Junge Menschen mit normalen Problemen, Hoffnungen, Träumen und Zielen. Menschen mit Humor und meist guten Herzen.

Da wäre etwa Hakan, der gegen den Willen seiner Mutter vegetarisch lebt und mit dem Veganismus liebäugelt. Oder Aysha, die in ihrer Freizeit ehrenamtlich Kinder trainiert. Dimitri, der wunderschön Klavier spielen kann, und Semira, die personifizierte Zuverlässigkeit. Mehmet, der hilfsbereite Riese. Ali mit dem trockenen Humor. Seyit, der Philosoph. Volkan, der nach der Schule im Supermarkt arbeitet. Fulya, die in ihrer Freizeit singt. Wenn man sie aus der Ausländerschublade herausnimmt, hat man plötzlich reale Individuen vor sich. Menschen, die wertvoll sind.

Schubladendenken vernebelt die Wahrnehmung

Schubladendenken bedeutet, dass wir uns ein Bild von jemandem machen. Und dieses Bild legen wir zu den anderen in unserer Vorurteilssammlung, die wir für die Wahrheit halten. In der deutschsprachigen Literatur ist Max Frisch für seine Auseinandersetzung der „Bildnisproblematik“ bekannt. „Du sollst dir kein Bildnis machen“ ist sicher eine seiner wichtigsten Kernaussagen. In seinem Drama „Andorra“ (1961) wird es dem Protagonisten Andri zum Verhängnis, dass ihn seine Mitmenschen für einen Juden halten. Andris Handlungen werden immer so interpretiert, dass sie die judenfeindlichen Vorurteile der Andorraner bestätigen. Ständig muss der junge Mann gegen die Klischees ankämpfen, ständig grübelt er, ständig quälen ihn Selbstzweifel. Er wird von seinem Umfeld so sehr in eine Rolle gedrängt, dass er seine Persönlichkeit nicht frei entwickeln kann. Das Bild, das die anderen von ihm haben, überlagert und beeinflusst jeden Gedanken, jede Entscheidung, jede Handlung. Ein gesunder Selbstfindungsprozess ist unter solchen Bedingungen undenkbar.

Der Realitätsbezug des Stücks ist 2018 leider immer noch voll gegeben. Heute sind es aber nicht nur ein paar Andorraner, die im Wirtshaus ihre Vorurteile austauschen. Heute werden die „Bildnisse“ durch die sozialen Medien millionenfach geteilt und gepflegt. Anonymisierte Fremdenfeindlichkeit ist hemmungsloser. Der Kommunikationsexperte Robert Spengler spricht von einer negativen Gruppendynamik und blanker Aggression. Respektlosigkeit sei bei Kurznachrichtendiensten besonders ausgeprägt. Viele der Flüchtlinge und Ausländer, über die so hasserfüllt geschrieben und gelästert wird, sind junge Menschen.

Als Pädagoge frage ich mich, was all diese Kommentare mit ihnen machen? Klar tun sie weh. Klar sind sie beleidigend. Aber diese Diagnose ist zu oberflächlich. Jedes Vorurteil, gegen das man ankämpfen muss oder zu müssen glaubt, verändert einen, schränkt einen ein, beeinflusst die eigene Selbstfindung. Denjenigen, die sich den Hass von der Seele schreiben, ist dies sicher nicht wichtig. Ein Teil der Gesellschaft zeigt seine kalte Seite. Doch woher kommt diese Feindseligkeit?

We fear changes!

Unter Fremdenfeindlichkeit versteht man die ablehnende und feindselige Haltung gegenüber allem, was sich von den bestehenden Lebensumständen unterscheidet und daher als Bedrohung aufgefasst wird. Speziell Menschen, die von woanders herkommen. Bildungssprachlich spricht man von Xenophobie. Der Begriff bedeutet eigentlich „Angst vor Fremden“. Man fühlt sich an Garth aus dem Kultfilm „Wayne’s World“ erinnert: „We fear changes!“ Wie aber kann diese Feindseligkeit so sehr in offene Aggression umschlagen, wie wir das immer wieder erleben? Es gibt wissenschaftliche Erklärungsversuche, die zum Teil die Sozialisation fremdenfeindlicher Jugendlicher zur Grundlage haben oder auf Reste urzeitlicher Verhaltensprogramme in unseren Steinzeithirnen verweisen. Befriedigende Antworten gibt es insgesamt aber kaum. Interessant sind die Erklärungsansätze des Psychologen und Kulturforschers Christian Kohlross. Da man der Aggression gegenüber Fremden weder mit Fakten noch mit Einfühlungsvermögen beikommen kann, müsse das Problem tiefer verwurzelt sein. Und zwar unabhängig von der Gesellschaftsform, da Xenophobie weltweit in Gewaltexzesse mündet.

Wunschenttäuschungsmaschine Gesellschaft

Kohlross’ Ansatz: In jeder Gesellschaft werde Individuen zugemutet, eigene Interessen oder Wünsche zugunsten der Gemeinschaft aufzugeben. Gesellschaften seien daher „Wunschenttäuschungsmaschinen“ und für den Einzelnen eine nie versiegende Quelle der Frustration. Und genau diese Frustration verwandle sich in Aggression, speziell dann, wenn es um Fremde geht. Logisch, da ja zu befürchten ist, dass diese Neuen nur noch weitere Kompromisse und Zugeständnisse erforderlich machen. Der Comedian Nico Semsrott bringt die Absurdität solcher Überzeugungen besonders treffend auf den Punkt: „Hm, mir geht’s nicht so gut, woran könnte das denn liegen? Ah! Vermutlich an den Leuten, die gerade erst kommen!“

Was mir Angst macht

Als Augsburger Lehrer käme es mir nicht in den Sinn, meine Enttäuschungen und Frustrationen mit Menschen in Verbindung zu bringen, die eine andere Sprache sprechen, eine andere Religion oder Hautfarbe haben. Auch weiß ich, dass ich mich vor ihnen nicht fürchten muss. Das ist nicht Naivität, das ist Erfahrung. Angst machen mir andere. Diejenigen zum Beispiel, die vor zwei Jahren in Clausnitz einen Flüchtlingsbus gestoppt haben. Ich danke Gott, dass ich nicht in dem Bus sitzen musste. Angst macht mir die „Revolution Chemnitz“, eine Chatgruppe, in der Neonazis Mordanschläge planten. Angst machen mir Formulierungen, die wie selbstverständlich benutzt werden, obwohl sie nichts als Hass sähen und andere diffamieren. Likes unter Posts, die sich über vermeintlich „linksversiffte Gutmenschen“ aufregen. Oder Informationsblasen, in denen sich Menschen bewegen, und alternative Fakten, an die sie bedingungslos glauben. Angst macht mir die Manipulierbarkeit der Masse, der man einfach nur ein Feindbild geben muss, um sie für sich zu gewinnen: der Jude, der Russe, der Pole, der Ausländer, der Flüchtling, der Harz-IV-Empfänger, der Gutmensch. Ich fürchte, dass uns dies weit mehr schaden kann und wird, als es Migranten jemals könnten.

Über Michael Benčec

Als Lehrer an der FOS/BOS Augsburg absolviert Michael zur Zeit ein Praktikum bei candid und freut sich über die neuen Erfahrungen: „Ich kann hier die sprachlichen Ansprüche und Standards der freien Wirtschaft mit meinen Unterrichtsinhalten vergleichen. Auch sehe ich, wie Profis Botschaften medial erfolgreich verbreiten. Insofern ist dieses Praktikum für meine Fächerkombi – Deutsch/Geschichte – optimal.“

» Pinnwand » Keine Angst vor Fremden
Am 7. November 2018
Von
, , , , , , ,

Eine Antwort auf "Keine Angst vor Fremden"

  1. Elke sagt:

    Ein schöner Einblick – vielen Dank für den Beitrag aus einem anderen Blickwinkel, Michael. Und noch eine interessante und lehrreiche Zeit bei candid! Grüß mir die Mädels!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »