15 Jahre an der Börse: Gratuliere, GFT!

Fachliches Kommentare (5)

  1. Juni 1999 – die GFT-Aktie startet an der Börse, am Neuen Markt. Was waren wir aufgeregt. Und selbstbewusst. Und doch überrascht vom großen Erfolg. Typisch schwäbisch eben. Wohl ein Grund dafür, weshalb ich mich 15 Jahre später immer noch darüber freuen darf. Es war die Zeit des Aktienrauschs und der Superlative damals. Spannend rund um die Uhr. Ausnahmezustand total. Und ich mitten drin. Neun Monate vor dem großen Tag war ich zu GFT gekommen, um den Börsengang mit vorzubereiten: Beauty Parade der Banken, Equity Story entwickeln, für den Emissionsprospekt jedes einzelne Wort mit Juristen verhandeln, Roadshows, Pressekonferenzen, Redaktionstouren. Das Wirtschaftsmagazin brandeins hat uns damals begleitet und eine schöne Geschichte über die Börsen-Tortour sowie ein Interview mit Firmengründer Uli Dietz veröffentlicht. Unsere Kommunikationsstrategie ging auf. Im Gegensatz zu den jungen und hippen Wilden in Hamburg (Pixelpark, Kabel New Media, I-D Media und Co. – erinnert sich jemand?) präsentierten wir uns als die alten erfahrenen und langweiligen soliden Schwarzwälder. Das funktionierte gut: Es war authentisch, der Neue Markt zeigte erste Krankheitssymptome, das Fenster für Neuemissionen wurde immer enger und die Medien liebten diese Schwarz-weiß-Geschichte. Als wir am Morgen des 28. Juni 1999 am Börsenplatz eintrafen, herrschte dort allerdings die Farbe magenta vor: Mit uns ging die zweite Tranche der T-Aktie an den Markt. Klar, wer hier im Rampenlicht stand. Egal: Wir verteilten Kuckucksuhren aus Schokolade und versuchten so die Aufmerksamkeit der Börsianer auf uns zu lenken. Die Sektgläser waren gefüllt und gespannt warteten wir auf den ersten Kurs: 44 Euro – so hoch hatte keiner von uns gewettet. Der Ausgabekurs von 23 Euro sollte sich im Lauf des Tages fast verdreifachen (Höchstkurs: 66 Euro). All die Arbeit der vorangegangenen Monate hatte sich gelohnt. Unsere Heimatmedien titelten am Tag darauf überschwänglich: „Traumhafter Start der GFT-Aktie“ (Südkurier) und „GFT-Aktie schafft furiosen Start“ (Schwarzwälder Bote). Noch bis zum Frühjahr 2000 schwammen wir auf der Adrenalinwelle. Dann kam der Absturz. Für den Neuen Markt. Und auch für die GFT-Aktie. Zugegeben − auch ich hatte daran einen Anteil, aber das ist eine andere Geschichte. Als wir im Jahr 2000 Bilanzzahlen meldeten, die deutlich unter den Erwartungen lagen, hatte sich ein Zahlendreher in der Ad-hoc-Mitteilung eingeschlichen, der im Freigabeprozess niemandem aufgefallen war. Mit dramatischen Folgen: Die Korrektur der fehlerhaften Ad-hoc-Mitteilung ließ den morgens um 50 Prozent gefallenen Aktienkurs um weitere 50 Prozent einbrechen. Allein der zweite Einbruch vernichtete kurzfristig 50 Millionen Euro Marktkapitalisierung. Mehrheitseigner Uli Dietz bezeichnete mich deshalb bei meiner Verabschiedung als „teuerste Frau seines Lebens“. Auch auf meinem eigenen Depotauszug machte sich das bemerkbar: Ich konnte dabei zusehen, wie der Gegenwert einer kleinen Eigentumswohnung auf dem Papier dahinschmolz. No risk, no fun. Nur die Paranoiden überleben, schrieb Andy Grove, Mitbegründer des Chipherstellers Intel, der IT-Branche ins Lehrbuch. Sein Credo: Schlechte Unternehmen werden durch Krisen zerstört, gute Unternehmen überleben sie und großartige Unternehmen werden durch sie besser. GFT hat überlebt. Und sich seit dem Börsengang immer wieder neu erfunden: vom Internetprofi über den Systemintegrator und das IT-Beratungsunternehmen bis zum Technologiepartner für digitale Zukunftsthemen. Genau diese permanente Weiterentwicklung, die Freude am Ausprobieren von neuen Ideen zeichnen das Unternehmen aus. Es ist kein Zufall, dass es seine Wurzeln in Baden-Württemberg hat. Macht weiter so! Es freut mich, dass ich Euch einen Teil des Wegs begleiten durfte.

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 28. Juni 2014
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5 Antworten auf "15 Jahre an der Börse: Gratuliere, GFT!"

  1. Dani sagt:

    Oh wow, das ist echt so spannend geschrieben, ich hab grad beim Lesen Kuckucksuhren mit verteilt und bin beim Zahlendreher halb mitgestorben :-)! Glückwunsch, GFT!

  2. Elke Möbius sagt:

    Ja, Dani, so spannend war es damals wirklich. Ich habe gerade noch mal alles durchlebt. Ich erinnere mich gern an diese Zeiten. Die Zusammenarbeit mit Sandra war super. Wir haben uns blind vertraut. Wenn die Eine eine Idee im Kopf hatte, war die Andere schon am Telefon oder schrieb dazu eine E-Mail:-)

  3. Su Franke sagt:

    liebe Sandra, ich bin ganz bewegt von diesem Beitrag. Ich kam 2000 zu GFT und wusste nicht, was U. Dietz mit dieser Abschiedsbemerkung damals gemeint hatte. Wow, du bist eine grossartige Frau, nicht nur, weil du das hier einfach so schreibst, sondern auch, weil du für mich eine Lehrmeisterin in PR bist.

    Für mich ist GFT auch eine besondere Firma. Euch, dir, Elke, Julia, Kerstin, Birgit und Maria Dietz, euch hab ich einen tollen beruflichen Weg in der Webbranche zu verdanken. Es war eine Wahnsinnszeit und Wende in der Kommunikation.
    Schön, dass wir auch heute noch gelegentlich zusammen arbeiten, Sandra.

    Und GFT wünsche ich auch weiterhin Inspiration und den süddeutschen Drive für grosse Projekte.

  4. Sandra sagt:

    @Su Ich kann das einfach so schreiben, weil sich die Aktie vom kurzfristigen Einbruch ja binnen ein paar Tagen wieder erholt hat. Trotzdem hat mich das – nicht nur in meinen Träumen – noch längere Zeit verfolgt. Habe dazu eine Reihe von Vorträgen gehalten damals, auch um anderen PR- und IR-Kollegen zu zeigen, wie schnell solche Fehler passieren können, mit welcher Wirkung und was man daraus lernen kann. Toll war, wie UDZ und MKR zu mir gestanden sind und kein „Bauernopfer“ gefordert haben. Die beiden haben ja nicht nur persönlich Depotwert eingebüßt, sondern mussten sich ja auch einiges von Aktionären und Investoren anhören… Aber wie gesagt: eigentlich ist das eine ganz andere Geschichte…

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