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Wenn Twitter-Muffel den Anschluss verlieren

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Ein Beitrag in der FAZ hat den Sinn von Twitter infrage gestellt. Mal wieder. Warum es auch in der PR noch immer viele Twitter-Muffel gibt. Und warum das gefährlich werden könnte.

Eines hat Eric Posner in den vergangenen Tagen erreicht. Er hat eine Menge Menschen dazu bewegt, uns zu berichten, wie ihr Leben aussähe, gäbe es Twitter nicht. Die einen bekämen mehr Schlaf, die anderen wären heute keine Feministen. Und @Scherzinfarkt ließ uns sogar wissen, dass er ohne den Kurznachrichtendienst vermutlich noch Single wäre. Heute ist er verheiratet – Twitter sei Dank.

Alles Mist – findet der Professor

Was das alles mit Eric Posner zu tun hat? Posner ist Professor für Internationales Recht an der University of Chicago Law School. Er hat als Gastautor im FAZ-Feuilleton „Über die Kraft der 140 Zeichen“  fabuliert. Sein Beitrag kurz zusammengefasst: Twitter ist Mist. Und wer mittwittert, dem scheint irgendwas zu fehlen: die nötige Bestätigung im Leben oder eine Extra-Portion des Glückshormons Dopamin.

Posner jedenfalls scheint daran keinen Mangel zu haben. Er selbst hat daher auch kein öffentliches Twitter-Profil – was ihn aber nicht davon abhält, seine Meinung über den Kurznachrichtendienst kundzutun. Verpackt in intellektuelle Schachtelsätze – perfekt für die FAZ-Klientel.

#ohnetwitter geht’s bei vielen nicht

Und dann passierte, was passieren musste: Die Twittergemeinde empörte sich, spottete. Und lieferte mit #ohnetwitter den passenden Hashtag zur Diskussion samt leidenschaftlicher 140-Zeichen-Plädoyers: Hochzeit, Feminismus, Schlafprobleme. Sei’s drum. Keine 24 Stunden später war der Sturm abgeebbt. Die FAZ-Leser hatten Posner und Twitter vermutlich längst vergessen. Und die Twitter-Gemeinde neue Themen in der Timeline.

Doch es lohnt sich – vor allem aus PR-Sicht – das Thema weiterzudrehen. Sich zu fragen, warum Twitter auch mehr als zehn Jahre nach dem Start noch immer infrage gestellt wird. Zumindest von manchen. Vielleicht doch alles Mist? Hat Posner etwa recht, wenn er schreibt: „Twitters wirklicher Zweck ist nicht, den Menschen zu helfen, an Informationen zu gelangen oder Einfluss auszuüben. Twitters wirklicher Zweck ist, es Menschen zu ermöglichen, dort die Bestätigungen ihrer Überzeugungen zu finden.“ Ein selbstreferenzieller Zirkel, der es gar nicht mehr schafft, über den Tellerrand zu blicken? Alles Zeitverschwendung also?

Die flüchtige Illusion der Macht

Und was hieße das für die Kommunikation und ihre Player? Müssen wir wirklich alle mitmachen? Und wen erreichen wir damit überhaupt? Menschen, die bei jedem Like und Retweet berauscht sind, von „der flüchtigen Illusion von Macht“, wie es Posner schreibt? Und die „in eine Art infantiler Regression“ verfallen, wenn sie in der virtuellen Welt Widerspruch erfahren? Dann doch lieber Pressemitteilungen schreiben, würde Posner vermutlich raten. Denn: „Wer Informationen über aktuelle Ereignisse will, ist mit einer Zeitung besser bedient.“

Twitter-Muffel unter den DAX-Sprechern

Vermutlich gibt es auch unter den PR-Verantwortlichen gar nicht so wenige, die in Posners 20 Anti-Twitter-Thesen-Beitrag Bestätigung erfahren. Daniel Neuen, Chefredakteur des PR Report, hat diese Erfahrung jedenfalls schon gemacht, wie er in einem Kommentar über die Medienkompetenz von Berufskommunikatoren berichtet. Er erzählt darin, wie er vor einiger Zeit mit dem PR-Chef eines großen deutschen Unternehmens über Bots und Algorithmen plauderte – und über dessen Unwissenheit staunte. Oder wie er den Sprecher eines DAX-Konzerns traf, der stolz erklärte, sich Twitter noch immer zu verweigern.

Twitter ist ja eh bald tot

Nach wie vor gilt eben oft: Social Media? Ja, bitte gerne. Gehört ja dazu. Aber sich intensiv damit befassen? Lieber nicht. Da rechtfertigt man sich mit dem Verweis auf vermeintliche Experten, die seit Jahren das Ende von Twitter prophezeien. Oder belächelt all die Instagrammer und Snapchat-Anhänger mit ihren lustigen Bildchen und Videos. Klar, was für die Jungen, den Volo, und ohnehin bald wieder out.

Natürlich, man muss das alles nicht gut finden: die auf 140 Zeichen verdichteten Meinungen. Die Empörungswellen ausgelöst von Follower-starken Meinungsmachern, die kleinen Ausrutschern riesige Shitstorms folgen lassen. Die vielen Rechtschreibfehler. Oder die Instagrammer, die ihr Leben dank virtueller Filter auf Hochglanz polieren, sich Influencer nennen und damit auch noch Geld verdienen.

Der Professor irrt

Aber man muss sie verstanden haben, die Mechanismen hinter diesen Diensten. Warum ein Beitrag Klicks bringt und ein anderer durchfällt. Mit welchen Hashtags ich die richtigen Follower finde. Und welche Zielgruppe ich über welches Portal am besten erreiche. Warum? Weil Posner irrt – in vielen seiner Thesen. Vor allem aber bei dem Punkt Information.

Natürlich helfen die sozialen Netzwerke und allen voran Twitter den Nutzern, schnell an Informationen zu gelangen – schneller als viele Zeitungen das könnten. Sie liefern Impulse, aus denen nicht selten gesellschaftliche Diskussionen erwachsen. Sie öffnen den Blick auf Themen, auf die man so nie gekommen wäre. Natürlich nicht in 140 Zeichen. Aber oft verstecken sich dort Links und Hinweise, die den Nutzer genau dort hinführen. Twitter als Zuträgermedium. Und genau deswegen sind viele Nutzer hier unterwegs – während die Auflagen der Zeitungen sinken. Wer seine Zielgruppen also unmittelbar erreichen will, der muss hier aktiv sein.

Auch beim Twittern gelten Regeln

Weil aber die Informationsflut in diesen Netzwerken so riesig und unübersichtlich ist, reicht es nicht, seine Botschaften einfach mal hinauszusenden.  Wie für eine gute Pressemitteilung gelten auch für einen erfolgreichen Tweet Regeln. Welche das sind, lässt sich am besten herausfinden, wenn man es probiert, wenn man selbst mitmacht. Es muss ja nicht gleich der Post mit dem Bikini-Foto vom letzten Urlaub sein.

Zugegeben, Twitter macht es einem anfangs nicht leicht. Die Einstiegshürde ist höher als bei anderen Plattformen. Man muss sich reinfinden, dranbleiben, beobachten, mitlesen und dann irgendwann mitmachen. Vieles erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Aber wer die Hürde genommen hat, bekommt, was er sucht. In erster Linie schnelle Informationen. Und wer weiß, vielleicht entdeckt manch einer beim Probieren seinen Hang zum Feminismus oder er findet den Partner fürs Leben #ohnetwitter. Im schlimmsten Fall fällt er in ein „schwarzes Loch einer werte-zerstörenden Technologie“. Dafür hält Posner Twitter nämlich. Aber dann kann er immerhin sagen, er hat’s probiert. Und wieder mehr Pressemitteilungen versenden.

Über Monika Schmich

Themen erfassen. Schnell umsetzen. Mit der Zielgruppe im Blick. Journalismus trifft PR.

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Am 13. Juli 2017
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