Krisenkommunikation in der ADAC-Zentrale: Social Media kann dabei helfen.

Was tun, wenn es kracht – Social Media in der Katastrophe: hilft!

Fachliches Kommentare (0)

Reden wir über Social Media und Katastrophen. Also nicht über jene Katastrophen, die man mit 140 Zeichen auslösen kann. Sondern über echte Katastrophen: über Unglücke, Unwetter, Verbrechen. Und die Frage, ob Social Media helfen kann, diese besser in den Griff zu bekommen. Oder doch eher schadet. Und das mit Experten, die wirklich was zu erzählen haben. Willkommen beim Social Media Club München.

Im Prinzip war‘s früher ganz einfach, zumindest in der Theorie: Katastrophe händeln, Medien bedienen, O-Töne zur Verfügung stellen, Pressemitteilung verschicken. Und am nächsten Tag noch eine Pressekonferenz hinterher. Fertig.

Dass man mit diesem Vorgehen einer Katastrophe medial nicht mehr Herr werden kann, ist nicht erst seit dem Amoklauf von München bekannt, aber in jener Julinacht 2016 noch einmal ganz deutlich geworden. Als eine Panik die Millionenstadt lahmlegte, wie die SZ später rekonstruierte – angefeuert durch Gerüchte, die sich in Windeseile in den sozialen Netzwerken ausbreiteten.

Drei Experten mit Katastrophen-Erfahrung

„Wenn Sie glauben, das alles mit einer Pressekonferenz am nächsten Tag zu regeln, dann haben Sie etwas Grundsätzliches nicht verstanden“, sagt Marcus da Gloria Martins, Pressechef der Münchner Polizei. Er war einer der drei Experten, die beim Social Media Club München über ihre Erfahrungen mit sozialen Medien in Katastrophenfällen berichteten.

Dirk von Gehlen, Leiter „Social Media/Innovation“ bei der Süddeutschen Zeitung, stellte #gegendiepanik vor und rief zu mehr Social-Media-Gelassenheit in Krisensituationen auf. Stefan Martini, Sicherheitsingenieur und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit der Uni Wuppertal, erklärte bei der Veranstaltung in der Zentrale des ADAC (übrigens auch Katastrophen-erprobt), wie Behörden sich die Technik zunutze machen könnten.

Mit Social Media Krisen bewältigen

Eines wurde dabei klar: Die Möglichkeit der Echtzeitkommunikation, die Chance eines jeden einzelnen von uns, mit seinem Smartphone zum Sender für ein Millionenpublikum zu werden, hat die Kommunikation in Krisen- und Katastrophenfällen komplett verändert. Ja, Social Media hat die Kommunikatoren vor neue Herausforderungen gestellt. Sie hat ihnen aber auch neue Möglichkeiten an die Hand gegeben, eine Krise zu bewältigen. Und deswegen waren sich die Experten einig: Social Media hilft – wenn man es denn richtig macht.

Nur wie macht man’s richtig?

Stefan Martini befasst sich von Berufs wegen mit dieser Frage. Sein Forschungsgebiet: der Einsatz von Social Media im Bevölkerungsschutz. Er zeigte in seinem Vortrag auf, wie sich die Denke gewandelt hat. Wie man auch innerhalb der deutschen Sicherheitsbehörden allmählich erkennt, dass Social Media ein wichtiges Instrument in der Krisen- und Risikokommunikation ist. Die Stadt Augsburg hat es bei der Entschärfung einer Weltkriegsbombe, für die an Weihnachten 54.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen mussten, vorgemacht.

Aber auch kleine Ortsfeuerwehren füllen heute ihre Facebookseiten mit Einsatzberichten und lassen mit Postings von Fundtieren die Zugriffszahlen in die Höhe schnellen. Um so genau die Zielgruppe, die man im Ernstfall erreichen will, schon lange vor einer möglichen Katastrophe an sich zu binden.

US-Behörden warnen vor Zombie-Apokalypse

Martini zeigte aber auch auf, was noch möglich wäre. Und was im internationalen Umfeld längst möglich ist. So hat die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC beispielsweise mit einer großangelegten Social-Media-Kampagne zur Prävention aufgerufen – und zwar für den Fall einer Zombie-Apokalypse. Ein viraler Hit mit ernstem Hintergrund: Die Menschen wurden so für das Thema Gefahrenprävention sensibilisiert. Ein Ansatz für eine deutsche Behörde? In dieser Form derzeit sicher kaum vorstellbar.

Und wer Social Media nicht allein als Kanal zur Kommunikation nach außen versteht, sondern die Netzwerke auch als Quelle für Informationen nutzt, findet im internationalen Kontext jede Menge Anregungen. Nach Martinis Ansicht wäre da in Deutschland noch Luft nach oben.

Wenn die Menge in der Katastrophe hilft

Bilder aus sozialen Netzwerken sichten, Postings auswerten. Wer soll das im Katastrophenfall leisten, wenn jeder im Einsatz gebraucht wird? Crowdsourcing könnte hier helfen. Während der Ebola-Krise in Afrika im Jahr 2014 beispielsweise rief die UN weltweit Freiwillige dazu auf, frei verfügbare Informationen über Gesundheitseinrichtungen im Krisengebiet im Internet zu recherchieren. Diese wurden später verifiziert und aufbereitet und dienten den Hilfskräften vor Ort als Grundlage für ihre Einsätze.

Bevölkerungsschutz made by Google und Facebook

Auch die Zusammenarbeit mit den großen Internet-Konzernen wirft Fragen auf. Zum Beispiel in Sachen Datenschutz. Facebook schaltet bei Gefahrenlagen – so wie beim Amoklauf in München oder dem Anschlag vom Breitscheidplatz in Berlin – einen Safety-Check frei. Googles Person Finder – angewandt in den USA bei der Explosion während des Boston-Marathons – geht noch einen Schritt weiter: Hier kann jedermann nach Unglücken Informationen über Personen abrufen oder eingeben. „Das ist gegen jede deutsche Datenschutznorm“, erklärte Martini. Aber technisch nun mal möglich. Online-Zimmervermittler Airbnb leistet ebenfalls Katastrophenhilfe. Seitdem der Hurrikan Sandy 2012 über New York fegte, unterstützt Airbnb bei Evakuierungen die Bevölkerung, indem das Unternehmen Unterkünfte kostenlos anbietet – inklusive Schnittstellen für öffentliche Stellen.

Es gibt also noch viel zu tun, zu klären, auszuprobieren und zu verändern. Bewährte hierarchische Strukturen aufzubrechen, etablierte Freigabeprozesse über Bord zu werfen. Um die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke zu nutzen.

 

Über Monika Schmich

Themen erfassen. Schnell umsetzen. Mit der Zielgruppe im Blick. Journalismus trifft PR.

» Fachliches » Was tun, wenn es kracht...
Am 29. März 2017
Von
, ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte bestätige, dass du kein Spammer bist: *

« »