republica Motto: Love Out Loud

re:cap – Eindrücke von der re:publica 2017

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Heute vor einer Woche erschallte die Bohemian Rhapsody von Queen auf Stage 1 in der STATION-Berlin. Insider wissen: Damit beschließen Organisatoren und Teilnehmer alljährlich die re:publica. Auch diesmal wird sie lange nachhallen. Denn all die wertvollen Denkanstöße und Impulse, die ich dort gesammelt habe, wollen erst einmal rekapituliert und verarbeitet werden.

Zunächst die Fakten: Die re:publica hat sich in den vergangenen elf Jahren von einem Insider-Treffen von 700 Bloggern zu einer der Konferenz mit rund 9.000 Teilnehmer aus 70 Ländern entwickelt. Es ist DIE Konferenz zu den Themen der digitalen Gesellschaft. Auf 20 Bühnen präsentierten über 1.000 Referenten (47 Prozent davon weiblich!) 500 Stunden Programm.

Das diesjährige Motto lautete: Love Out Loud! Damit formulierten die Veranstalter ein klares Statement gegen Hass, Hetze und Hate Speech, die sich zunehmend in der digitalen wie analogen Welt zu verbreiten scheinen. Im Fokus standen Menschen, Organisation und Projekte, die sich couragiert für Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Meinungs- und Pressefreiheit einsetzen. Und damit ist auch die heimelige Klassentreffen-Atmosphäre beschrieben, die die re:publica auch nach all den Jahren immer noch so besonders macht. In dem denkmalgeschützten ehemaligen Bahnhofsgelände kommen drei Tage (und Nächte) ganz unterschiedliche Menschen zusammen. Menschen, die neugierig sind und offen, die neu und nach vorne denken, die gestalten wollen. Daraus entstehen interessante Gespräche, spannende Diskurse und jede Menge Ideen.

Persönlichkeitsrechte, Meinungs- und Pressefreiheit sind nicht selbstverständlich

Zwei Sessions haben mich emotional berührt. Gleich nach der Eröffnung gehörte die Bühne vier Aktivisten, die sich in ihren Heimatländern für Meinungs- und Pressefreiheit sowie Persönlichkeitsrechte einsetzen und dafür viel riskieren. Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet, der im deutschen Exil lebt, berichtete – ohne im Programm angekündigt zu sein – anhand von Bildern über seine Zeit im Gefängnis. Er war inhaftiert worden, nachdem er geheime Waffenlieferungen aufgedeckt und publik gemacht hatte. Heute sitzen dort seine Kollegen und Freunde sowie der deutsch-türkische Journalist Denis Yücel. Das Publikum zeigte seinen Respekt mit stehendem Applaus. Márton Gergely, stellvertretender Chefredakteur der eingestellten ungarischen Oppositionszeitung Népszabadság schilderte, wie die Medien in seinem Land die politische Bedrohung über Jahre hinweg nicht erkannt und es versäumt haben, Neutralität und Solidarität zu bewahren. Der ägyptische Netzaktivist Ramy Raoof erinnerte sich an den Tag, an dem er erfuhr, dass er auf einer staatlichen Liste von Regimekritikern stand. Die Privatsphäre der Bürger werde eingeschränkt, Mobiltelefone von Bürgerrechtlern ausgespäht, die Zivilgesellschaft niedergemacht. Aus Polen berichtete die Bürgerrechtlerin Katarzyna Szymielewicz darüber, wie intransparent die Gesetzgebung geworden sei, wie öffentlich-rechtliche Sender staatlich kontrolliert würden und auch das Verfassungsgericht nicht mehr unabhängig sei.

Im Zentrum des Shitstorms

Die zweite Session, die nicht nur mir unter die Haut ging, wurde von Laura Sophie Dornheim gestaltet. Simuliert wurde ein dreißigminütiger Shitstorm aus Hasskommentaren mit Gewalt-, Mord und Vergewaltigungsdrohungen. Auf einer großen Leinwand wurden Originalzitate eingeblendet, mit denen Laura teilweise persönlich konfrontiert war, die sie aber auch aus anderen Quellen schöpfte. Drei Männer, die sich hinter der Leinwand befanden, lasen die Kommentare abwechselnd vor. Nichts für schwache Nerven. Unfassbar, was da auf uns einprasselte. Eigentlich selbstverständlich, dass man sowas nicht stehen lassen kann, wenn es einem begegnet. Scheint es aber nicht zu sein. Deshalb rief Laura zu Zivilcourage auf. Dazu, die Gewalttäter zu konfrontieren, Präsenz zu zeigen – auch gegenüber dem Opfer zu demonstrieren, das es nicht alleine ist, zu widersprechen, zu melden, Flagge zu zeigen und anzuzeigen.

Weitere Sessions, die ich sehr empfehlen kann:

Mit einer philosophischen Reflexion über das Konferenzmotto „Love Out Loud!“ begeisterte mich die Carolin Emcke. Die Publizistin war im vergangenen Herbst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden und hat das Buch „Gegen den Hass“ veröffentlicht. Tiefgründig, intellektuell und leidenschaftlich.

Sascha Lobo verzichtete diesmal auf seine Publikumsschelte und berichtete von einem Selbstexperiment. Im vergangenen Jahr stellte er sich der Diskussion mit rund 100 Menschen, die er als rechts, rechtsextrem oder rechtsoffen empfand, sowie mit 20 Personen aus seinem Bekanntenkreis, die „irgendwie an der liberalen Demokratie zweifeln“. Seine Erkenntnis: Nicht jeder, den man im Netz als rechts empfinde, gehöre in diese Schublade. Er lieferte eine Reihe von Erklärungen dafür, ermutigte dazu, mit solchen Menschen zu reden und lieferte Rezepte, wie Argumente beim Gegenüber ankommen könnten.

Ein Mann der leisen Töne, des Understatements und scharfer Analysen ist der Mathematiker, Philosoph und ehemalige IBM-Vordenker Gunter Dueck. Er sprach über „Flachsinn – gute und schlechte Aufmerksamkeit, wie man sie bekommt, wer gewinnt und wohin alles führt“. Er entlarvt in seinem Vortrag die Karrieremechanismen von Klassenkaspern, die sich später als erfolgreiche BWLer im höheren Management wiederfinden und ist auf der Suche nach digitalen Intellektuellen, die den Diskurs um die digitale Gesellschaft pflegen. Die meisten Geisteswissenschaftler seien nicht netzaffin und würden sich den Ansichten von Manfred Spitzer anschließen. Das sei nicht gut.

Stoff zum Nachdenken, Diskutieren und Haltung beziehen lieferte auch Miriam Meckel, Herausgeberin der Wirtschaftswoche. In ihrem Vortrag „Mein Kopf gehört nicht mehr mir – Brainhacking und Selbstoptimierung“ berichtete sie von Forschungsprojekten, bei denen Mensch und Maschine verschmelzen. Sie selbst hat an einem Experiment teilgenommen, bei dem ihr Elektroden am Kopf angebracht wurden, die es ihr ermöglichten einen Text per Gedankenkraft in den Computer „hineinzudenken“ statt zu tippen oder zu diktieren. Eine gruselige Vorstellung? Durchaus, wenn man davon ausgeht, dass dann auch der umgekehrte Weg funktionieren könnte.

Sehr beeindruckend ist der Vortrag der Kognitionswissenschaftlerin und Linguistin Elisabeth Wehling. Sie forscht in Berkeley unter anderem darüber, wie die Macht von Sprachbildern wirkt und in politischen Kampagnen instrumentalisiert wird. Ich persönlich wehre mich ja gegen Sprache, die übertrieben politisch korrekt und gegendert ist. Nach ihren Ausführungen muss ich darüber noch einmal nachdenken.

Sehenswert ist auch der Vortrag von Katharina Nocun, die sich die Arbeit gemacht hat, den Source Code der AfD zu entschlüsseln und dazu unter anderem die Wahlprogramme dieser Partei auf EU-, Bundes- und Landesebene durchgeackert hat. Entlarvend!

Weil ich mich noch nie damit beschäftigt hatte, fand ich die Session über das Darknet sehr lehrreich. Daniel Moßbrucker von Reporter ohne Grenzen und der syrische Journalist Ahmad Alrifaee zeigten auf, wie das Darknet in Ländern mit umfassender Internetüberwachung und –zensur für Dissidenten und Whistleblower als Zufluchtsort und Ort für freie und sichere Kommunikation dient. Der Staatsanwalt Andreas May sprach über die dunkle Seite des Darknet, das von Drogendealern und Waffenhändlern als Marktplatz genutzt wird.

Im Rahmen der Media Convention gab es eine Session über die Gründung von Medien-Startups. Hier interessierte mich vor allem, was Laurent Burst zu berichten hatte. Er gehört zum Gründerteam des Projekt R. Die Schweizer haben mit keinem geringeren Anspruch als den Journalismus zu revolutionieren gerade ein überwältigend erfolgreiches Crowdfunding hingelegt, knapp 12.000 Menschen von ihrer Idee begeistert und knapp drei Millionen Schweizer Franken eingesammelt.

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 17. Mai 2017
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