Facebookst du noch oder tinderst du schon?

Facebookst du noch oder tinderst du schon?

Sprachliches Kommentare (1)

„Bist du nicht clubben?“ fragte mich neulich ein Freund per Facebook-Nachricht. Ich kannte noch nicht mal das Wort. Prompt schickte er mir den Duden-Link dazu. Die Bedeutung des Wortes lässt sich auch ohne das Regelwerk erahnen. Mich erstaunte vielmehr, dass es so ein Wort in den Duden schafft. Es ist wohl eines der rund 5000 neuen Wörter, die in die 27. Auflage aufgenommen wurde, die im August 2017 erschienen ist. Dort findet man jetzt auch Wörter wie liken, facebooken und tindern. Die schöne neue Social-Media-Welt hinterlässt ihre Spuren in unserer Sprache und mit der Aufnahme in den Duden werden sie quasi salonfähig. Lehrer werden sie in Schüleraufsätzen nicht mehr rot anstreichen (sofern sie richtig konjugiert werden: Ich lik(e), du likst, er likt, wir liken … ich habe gelikt.)

Dass Duden-Kenntnisse sogar bares Geld wert sein können, sieht man auch in Quizshows wie „Wer wird Millionär?“. Doch eben an den Rechtschreibfragen scheitern viele Kandidaten, selbst mit Joker. So irrten sich schon einmal 60 % des Publikums bei so einer Frage. Glück dagegen hatte der Kandidat, der Ende Januar die richtige Antwort auf die Frage erahnte, welches von vier Wörtern (Joggen, Joga, Judo oder Jazzdance) seit 2017 nicht mehr im Duden steht. Denn neben all den Neuzugängen wurden auch Wörter aus dem Regelwerk gestrichen, zum Beispiel kaum verwendete eingedeutschte Schreibweisen wie Ketschup oder Majonäse. Was einmal raus fliegt, ist für immer aus dem digitalen Duden-online-Gedächtnis getilgt. Wer etwa nach Joga sucht, bekommt den wenig hilfreichen Tipp:

Im Gegensatz dazu sind Wörter, die heute kaum noch jemand benutzt (z. B. Selbstwählferndienst), mit dem Hinweis „veraltet“ weiterhin im Duden zu finden. Könnte man mit alten Schreibweisen doch auch machen, also:  „Joga: veraltete, nicht mehr regelkonforme Schreibweise von Yoga“. Doch an die Sünden der Rechtschreibreform erinnert man sich wohl nur ungern.

Takatuka oder Tikitaka?

Jeder, der in seiner Kindheit Pippi Langstrumpf gelesen oder gesehen hat, kennt das Taka-Tuka-Land, weiß aber vielleicht nicht, wie man es schreibt. Duden.de hilft hier nicht weiter. Tippt man es richtig (mit Bindestrichen) ins Suchfeld, kommt die Meldung: „Leider ist bei Ihrer Suchanfrage ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es später erneut.“ Bei der Schreibweise Takatuka bietet der Duden Tikitaka an – ein Wort, das erst während der Fußball-WM 2006 populär wurde und das jetzt in die neueste Duden-Ausgabe durfte.

Aufnahmekriterien

Wie kommt ein Wort eigentlich in den Duden? Natürlich spielt die Häufigkeit der Verwendung eine Rolle. Um die herauszufinden, werden mithilfe von Computerprogrammen sehr große Mengen an elektronischen Texten durchkämmt. Aktuell besteht diese Textsammlung, der Dudenkorpus, aus mehr als vier Milliarden Einträgen. Auch Anfragen an die Duden-Redaktion, warum ein bestimmtes Wort nicht enthalten ist, werden geprüft. Chancen für eine Neuaufnahme haben besonders rechtschreiblich schwierige Wörter und erklärungsbedürftige Fremdwörter.

Erweiterte Bedeutung

Bereits im Duden enthaltene Wörter können auch in ihrer Bedeutung ergänzt werden. Expertise zum Beispiel bedeutete früher nur „Gutachten eines Experten“, inzwischen darf es laut Duden auch im Sinne von „Fachkenntnis, spezielles Wissen“ verwendet werden. Bei vielen Lektoraten stießen wir auf die Verwendung des Begriffs in dieser zweiten Bedeutung, die vermutlich unter dem Einfluss des Englischen zustande kam. Und regelmäßig markierten wir es bisher als falsch. Dank des neuen Dudens kann das in Zukunft unkommentiert stehen bleiben. Worauf wir sonst so achten bei Lektoraten – vor allem von Geschäftsberichten – hat Sandra schon einmal beschrieben.

Säure-Base(n)-Gleichgewicht

Mein erstes Lektorat in diesem Jahr war ausnahmsweise kein Geschäftsbericht, sondern ein wissenschaftlicher Text über Biogasanlagen. Sehr technisch, viel Biochemie, jede Menge Formeln. An meine Grenzen stieß ich nicht etwa bei den technischen Zusammenhängen, sondern bei einem simplen Begriff, den jeder aus der Schule kennt – und der in verschiedenen Schreibweisen verwendete wurde: Säure-Base-Gleichgewicht bzw. Säure-Basen-Gleichgewicht. Der Duden konnte hier leider nicht weiterhelfen, denn der Begriff steht da nicht drin. Die Anzahl der Google-Treffer spricht eindeutig zugunsten der zweiten Variante. Doch warum sollten nur die Basen im Plural stehen? Weil Basen die guten sind (man denke nur ans Basenfasten) – davon will man mehr haben,  und Säure schlecht ist (da denkt man an Magensäure und Sodbrennen) – davon bitte nur das nötigste? Wäre eine Base zu schwach gegen eine Säure, um ein anständiges Gleichgewicht herzustellen? Inhaltliche Mutmaßungen führen hier kaum weiter. Vermutlich ist es reine Willkür. Vielleicht ist beides richtig. Nur sollte es dann in einem Text schon einheitlich verwendet werden. In Absprache mit dem Autor haben wir uns schließlich auf Säure-Base-Gleichgewicht geeinigt. Inzwischen habe ich eine Anfrage bei der Duden-Redaktion gestellt, warum das Wort nicht im Regelwerk steht und was denn nun richtig ist. Die Antwort steht noch aus. Vielleicht müssen sie erst ihren Dudenkorpus durchsuchen. Und vielleicht kommt es ja in die nächste Neuauflage. 🙂

Über Andrea Finkel

Die Komma-Queen: begeistert sich für alles, was mit Sprache zu tun hat – auch Grammatik und Rechtschreibung. Komplexe Themen wecken ihren Ehrgeiz.

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Am 16. Februar 2018
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Eine Antwort auf "Facebookst du noch oder tinderst du schon?"

  1. Andrea sagt:

    Der Duden-Kundenservice hat mir übrigens inzwischen geantwortet, aber nur um mich an die kostenpflichtige Sprachberatung zu verweisen, die kostet 1,99 Euro pro Minute. So verdienen Duden-Redakteure also ihr Geld.

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