Krisenkommunikationsgipfel 2017 in Leipzig: Keine Angst vor Krisen

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Krisen entstehen meist am Freitagabend oder am Wochenende, so will es Murphy’s Law. Und wenn die Krise schon mal da ist, schlägt das Gesetz gerne mit voller Wucht zu: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Gute Kommunikatoren bewahren in solchen Situationen die Nerven und zeigen Haltung.

So wie die neun Praktiker, die genau das schon durchlebt haben und am Mittwoch dieser Woche auf dem Krisenkommunikationsgipfel in Leipzig darüber berichteten. Das Erfolgsrezept der alljährlichen Veranstaltung: die sehr offene und selbstkritische Rückschau. Kein beschönigendes PR-Blabla. Wäre auch nicht ratsam, denn die gut 200 teilnehmenden Kommunikationsmanager, Pressesprecher, Krisenbeauftragten und Wissenschaftler kennen das Geschäft. Welche Mechanismen greifen. Wo Risiken und Gefahren lauern, wo die Chancen. Waschechte Krisen hingegen dürften nur wenige bisher selbst erlebt und durchgestanden haben. Deshalb sind die schonungslosen Erfahrungsberichte der Kollegen auch so wertvoll. Wo sonst erfährt man aus erster Hand, wie man mit der Entführung eines Mitarbeiters in Afghanistan umgeht. Oder wie man reagiert, wenn man mit einer Undercover-Story der Bild-Zeitung in der eigenen Behörde konfrontiert wird. Wie man eine Imagekampagne erfolgreich vom Shitstorm zum viralen Hit dreht. Wie man den Unfall eines Chemieparks ordentlich kommuniziert oder den Ausbruch von Krankenhauskeimen auf der Frühchenstation einer Uniklinik. Veranstalter Frank Roselieb vom Krisennavigator – Institut für Krisenforschung hatte wieder ein vielfältiges Programm aus unterschiedlichen Branchen zusammengestellt.

Krise: Ausnahmesituation oder Alltag?

Dabei dienen die geschilderten Fälle als individuelle Beispiele. Pauschale Lösungen lassen sich daraus nicht ableiten. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, die Organisationsstrukturen oder etwa die Einstellung des Managements zu transparenter Kommunikation. „Die Vorstellung, die Kommunikation bei einer Krise planen zu können, ist irrig“, meinte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter in der Podiumsdiskussion. Man könne allenfalls an der Haltung arbeiten. Das ist doch schon was. Die Krise umarmen, statt sich vor ihr zu fürchten? Dieses Postulat von Christof Ehrhart ist vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen. Der Direktor Konzernkommunikation der Deutsche Post DHL Group nimmt die Krise nicht als außergewöhnlichen Zustand wahr, in der heutigen Welt sei sie quasi Alltag.

Professionalität, Mut und Flexibilität sind gefordert

In jedem Fall tun Unternehmen und Kommunikatoren gut daran, Krisen vorzubeugen, Krisenszenarien regelmäßig durchzuspielen und sich ein Instrumentarium an Prozessen und kommunikativem Handwerkszeug zurecht zu legen, auf das sie im Notfall routiniert zurückgreifen können. Und auch Mut und Flexibilität gehören dazu. Mut, eine Haltung zu zeigen und ihr treu zu bleiben. Mut, Prioritäten zu setzen und weniger Wichtiges erstmal beiseite zu lassen. Die Flexibilität, Regeln und (Freigabe-)Prozesse über Bord zu werfen, wenn es die Umstände erfordern.

Ursache von Krisen hinterfragen

Zum Nachdenken regte ein Beitrag von Wolfgang Kenntemich an. Der Honorarprofessor für Fernsehjournalismus an der Universität Leipzig bemängelte, dass sich heute kaum noch jemand die Zeit nehme, die eigentlichen Ursachen des „Krisengeblubbers“ näher zu betrachten. An seine Mitdiskutanten von DHL und Dr. Oetker gewandt, stellte er die kritische Frage, ob Unternehmen ihre Krisen nicht selbst produzierten. Wenn etwa Logistikdienstleister die Arbeitsbedingungen ihrer nachgelagerten Subunternehmer schlecht gestalten. Oder dass es wohl gute Gründe gebe, wenn sich immer mehr Menschen bewusst dazu entschließen, vegan zu leben. Er forderte eine tiefgründige Diskussion über die wesentlichen gesellschaftspolitischen Fragen, die den Krisen zugrunde liegen würden.

Verrät ein Blick auf die Teilnehmerliste, welche Branchen hier besonders gefordert sind? Neben Hochschulen, Forschungsinstituten, Verwaltung und Behörden sowie Dienstleistern (Monitoring, PR, Recht) waren Vertreter aus Gesundheits- und Hilfsorganisationen, Logistik-, Transport- und Touristikunternehmen, Finanzdienstleistern, Energieversorgern, Chemie- und Entsorgungsunternehmen sowie Immobilienverwaltungen und der Kirche anwesend.

Organisation der Tagung professionalisiert

Weil die Veranstaltung mit gut 200 Teilnehmern ausgebucht war und die Universität keine geeigneten Hörsäle frei hatte, war man auf das Veranstaltungszentrum „Salles de Pologne“, ehemals Leipziger Forum, ausgewichen. Ich finde, das hat der Tagung gut getan. Das Ambiente war professionell und auch sonst hatte man dazugelernt. Zur Freude der Teilnehmer gab es diesmal WLAN und einen Hashtag (#kkg17), prompt konnte man beobachten, dass deutlich mehr über die Veranstaltung getwittert wurde. Ein Referent, der kurzfristig verhindert war, wurde live per Video eingespielt. Im Vorjahr hatten solche Vorfälle das Programm noch gehörig durcheinander gewirbelt.

Hin- und hergerissen bin ich, was das Format für das straffe Programm angeht. Zwischen 9 Uhr und 17 Uhr präsentierten neun Referenten im Halbstundenrhythmus ihre Erfahrungsberichte. Nach der Mittagspause gab es zusätzlich noch eine einstündige Podiumsdiskussion, die in der zur Verfügung stehenden Zeit zwangsläufig an der Oberfläche kratzen musste, statt in die Tiefe gehen zu können. Dass die Diskussionsrunde mit sechs ausschließlich männlichen Gesprächspartnern besetzt war, führte zu einer Rüge aus dem Publikum. Etwas mehr Möglichkeit für Kommunikation und Austausch wäre sicher wünschenswert, auch wenn man dafür auf den ein oder anderen Fall verzichten müsste. Die Vielfalt an Fällen und Branchen macht für mich als Dienstleister den Reiz der Veranstaltung aus. Und ist sicherlich auch ein Grund für die wachsende Teilnehmerzahl.

Zum Nachlesen empfehle ich eine inhaltliche Zusammenfassung der Tagung sowie der Podiumsdiskussion durch das PR Journal. Die Tweets habe ich bei Storify gebündelt.

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 17. März 2017
Von

2 Responses to Krisenkommunikationsgipfel 2017 in Leipzig: Keine Angst vor Krisen

  1. Liebe Sandra,

    „die Krise umarmen“ scheint mir auch etwas hoch gegriffen. Ebenso wie der Satz von Lea Linster: „Dankbar sollten wir Ihnen (Anm. den Krisen) sein“.
    Trotzdem ist eine Krsie sicher oft auch eine Chance.

    Auf alle Fälle ist es wichtig, die Nerven zu behalten. Auch wann das sicher nicht immer leicht ist.
    Und dann ist es eben SEHR wichitg (für Unternehmer sicher am Wichtigsten), Profis wie dich und deine „Candid-Mädels“ zur Seite zu haben.
    Ich hoffe ehrlich, euch dafür nicht rufen zu müssen. Doch wenn, dann wärt Ihr unsere ERSTE Wahl.

    Ich habe ja schon viel von euch gelernt, z.B. über den Umgang mit berechtigter und unberechtigter Gästekritik. Das ist keine wirkliche Krise. Kann aber schnell zum Shit-Sturm (und damit zur Krise) werden.

    Danke für den erneuten Einblick in die Vielfältigkeit der Unternehmenskommunkation.

    Bis bald in Landau
    Petra

  2. Sandra sagt:

    Ja, liebe Petra, dann drücken wir mal ganz fest die Daumen, dass Ihr uns zur Krisenkommunikation nicht rufen müsst. Und sollte es doch mal nötig sein: Wir stehen jederzeit bereit.

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