Lass es deine Hände sagen: Kommunikation mal anders – mit Gebärdensprache

Sprachliches Kommentare (1)

Im März begannen Elke und ich mit einem Gebärdensprachkurs an der VHS Augsburg. Seitdem lassen wir morgens im Büro immer häufiger unsere Hände zur Begrüßung sprechen. Und in der Mittagspause fragen wir uns gegenseitig die Vokabeln ab. Inzwischen können wir schon die ersten einfachen Geschichten erzählen. Oder über unsere Kolleginnen lästern … Nein, das würden wir natürlich nie tun! 😉 Doch warum lernt man als Hörender Gebärdensprache?

Zum Beispiel um nicht ganz sprachlos zu sein, wenn man einem der circa 80.000 Gehörlosen begegnet, die in Deutschland leben. Oder einem der rund 140.000 stark Schwerhörigen, die sonst auch auf einen Gebärdendolmetscher angewiesen sind, um sich mit Hörenden zu verständigen. Die Motivation bei den Teilnehmern in unserem VHS-Kurs war ganz unterschiedlich. Da war eine Juristin, die alle Klienten verstehen können wollte, auch die Gehörlosen. Ein paar hatten beruflich Kontakt zu Gehörgeschädigten (Förderschule oder Pflegeeinrichtung). Elkes Interesse wurde u.a. durch die Gebärdenspracheinblendungen bei den Nachrichten im Fernsehen geweckt. Und ich? Ich wollte schon seit längerem eine neue Sprache lernen, einfach nur zum Spaß. Eine, die auch ganz anders ist als die Sprachen, die ich bisher gelernt habe. Finnisch zum Beispiel, oder Swahili. Und dann wurde es eben Gebärdensprache. Nicht zuletzt, weil ich mich so köstlich über den Film „Der kleine Tod“ (2014) amüsiert habe. Darin musste eine Mitarbeiterin eines Video-Relay-Dienstes für einen Gehörlosen bei einer Telefonsex-Hotline anrufen. Außerdem habe ich letztes Jahr mit dem Tauchen begonnen, und auch dafür ist Gebärdensprache sehr praktisch: Man kann damit viel mehr ausdrücken als mit den paar Handzeichen, die ich im Tauchkurs gelernt habe.

Unterricht bei einem Muttersprachler

In der ersten Unterrichtsstunde lernten wir zunächst ein paar theoretische Grundlagen. Da war auch noch eine Dolmetscherin mit dabei. Denn wir wurden von einem Muttersprachler unterrichtet. Unser Gebärdensprachlehrer Ingo Langlotz ist von Geburt an gehörlos. Für ihn ist die deutsche Sprache, wie wir sie kennen, eine Fremdsprache. Zeitung zu lesen ist für ihn oft mühsam, vor allem wenn viele Schachtelsätze vorkommen. Oder langweilig, etwa bei Sportberichten. Wenn ihm ein Freund dagegen in Gebärdensprache erzählt, wie das Fußballspiel war, ist das fast wie ein Film für ihn: spannend und anschaulich. Und genau so war auch der komplette Kurs für uns!

Mir war bis dahin nicht bewusst, dass die Deutsche Gebärdensprache (DGS) eine natürlich gewachsene eigenständige Sprache ist, mit einer eigenen Grammatik, die sich von der deutschen Lautsprache unterscheidet. So steht das Verb in der Gebärdensprache in der Regel am Ende, bzw.  in W-Fragen steht das Fragewort am Ende. Tempus wird immer am Anfang gebärdet. Die Grammatik ist viel einfacher als im Deutschen: Man muss keine Verben konjugieren, Substantive brauchen keine Artikel und Adjektive keine Flexion. Überhaupt lässt sich vieles mit Gebärden einfacher und kürzer ausdrücken. Füllwörter? Überflüssig. Dafür spielt die Mimik eine wichtige Rolle. An ihr erkennt man zum Beispiel, ob es sich um eine Frage, einen Befehl oder eine Aussage handelt. Auch sollten die Gebärden immer vom Mundbild, also der jeweiligen Lippenbewegung, begleitet werden, denn viele Gebärden sind ähnlich oder gleich und werden erst durch das Mundbild eindeutig.

Das folgende Beispiel zeigt, wie viel einfacher DGS ist:

Deutsch Welchen Beruf hast du?
Was arbeitest du?
Was bist du von Beruf?
DGS Du arbeiten was ?

Zeichnungen statt Vokabeln

In der zweiten Stunde ging es dann los mit dem Fingeralphabet. Damit kann man nicht nur seinen Namen buchstabieren – auch die Finger werden durch häufiges Üben gelenkiger. Überhaupt hat  Gebärdensprachenlernen viele positive Nebeneffekte: Weil auch die Mimik trainiert wird, entspannt das die Gesichtsmuskeln und beugt Faltenbildung vor. Und es macht einfach Spaß! Die Zeit im Kurs verging immer wie im Flug. Denn wir waren so damit beschäftigt, neue Gebärden zu üben – und aufzumalen, wie man sie gebärdet. Für eine Sprache, die nur mündlich existiert, gibt es schließlich kein klassisches Vokabelheft. Elke bewies im Gebärdenaufzeichnen viel mehr Talent als ich, weshalb ich meist in Textform beschrieb, was ich mit meinen Händen tun muss, um ein Wort zu gebärden. Das liest sich dann z. B. für Fußball so: linke Hand greift um Handgelenk der rechten, rechte Faust kickt nach vorn.

Elkes Zeichnung zur Gebärde für Fußball

Unser Lehrer hat uns oft den Ursprung der Gebärden erklärt. Das hilft, damit man sie sich besser merken kann. Manche haben zum Beispiel historische Bezüge: Das „d“ am Kopf oben etwa symbolisiert eine Pickelhaube und steht für Deutsch oder Deutschland. Regionale Besonderheiten finden sich vor allem in Ortsangaben: Die Gebärde für Dom steht auch für Köln, für Ulm gebärdet man dessen Wahrzeichen, den Spatz. Eine gewisse Allgemeinbildung (und Geographiekenntnisse) sind also hilfreich. Viele Gebärden sind selbsterklärend, wenn man sie sieht. Nur würden sie einem von selbst vermutlich nicht einfallen. Um Milch zu gebärden, macht man mit den Händen eine Melkbewegung. Die Kreativität bei manchen Gebärden ist erstaunlich: Für Ammersee gebärdet man Hammer (weil es so ähnlich klingt wie Ammer) und See. Und Pfersee? Richtig: Pferd und See.

Unterschiede international und regional

Wörterbücher für Gebärden bestehen meist aus Zeichnungen oder aus Videos. Ich war überrascht, dass manche Gebärden darin ganz anders aussehen, als ich sie im Kurs gelernt habe. Doch wie in jeder Sprache gibt es auch hier Dialekte. Die Gebärden für Wochentage etwa sind in Nord- und Süddeutschland komplett verschieden. International gibt es natürlich auch große Unterschiede – rund 200 verschiedene Gebärdensprachen gibt es weltweit.

Lehrbuch - Wochentage

Auszug aus unserem Lehrbbuch

Den ersten Kurs haben wir inzwischen abgeschlossen. Elke und ich wollen unbedingt weitermachen und haben uns schon für den Fortsetzungskurs angemeldet. Den wird dann eine andere Lehrerin geben. Wir sind schon gespannt darauf, welche regionalen Besonderheiten wir bei ihr lernen werden. Bis dahin heißt es: üben, üben, üben. Damit wir über die Sommerpause nicht alles vergessen, was wir gelernt haben.

Karten - Gebärdensprache

Gebärdensprachkarten zum Üben

Update (11.08.2017):

Wir haben in dem Video leider etwas falsch gebärdet, gleich im ersten Satz (dabei wollten wir doch alles richtig machen): Die Gebärde für „Sprache“ hatten wir mental wohl falsch abgespeichert (oder falsch aufgemalt?), und das Verb im ersten Satz gebärden wir auch an der falschen Stelle (in der Theorie begriffen, in der Praxis leider nicht umgesetzt – so ist das halt manchmal beim Sprachenlernen). Danke an unseren Lehrer Ingo, der uns darauf aufmerksam gemacht hat! Ein Korrekturvideo dazu folgt in Kürze.

Außerdem hat uns Ingo noch einen Link zu einer kurzen Broschüre mit Tipps zur Kommunikation mit Gehörlosen mit ein paar einfachen Gebärden geschickt. Vielleicht wollt ihr es ja auch mal versuchen? In der Broschüre erfährt man auch, dass Türkis die Farbe der Gehörlosen und Gebärdensprachler ist. Sie steht für Gemeinschaft, Toleranz und gegenseitigen Respekt. Und für ein positives Selbstbild. Das passt auch alles zu uns. Deshalb ist das wohl auch unsere Farbe!

Und hier noch als kleiner Nachtrag ein Beispielsatz aus unserem Kurs, gebärdet von unserem Lehrer Ingo Langlotz:

Über Andrea Finkel

Die Komma-Queen: begeistert sich für alles, was mit Sprache zu tun hat – auch Grammatik und Rechtschreibung. Komplexe Themen wecken ihren Ehrgeiz.

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Am 7. August 2017
Von
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Eine Antwort auf "Lass es deine Hände sagen: Kommunikation mal anders – mit Gebärdensprache"

  1. EssayHilfe sagt:

    Liebe Andrea,
    danke für praktischen Artikel! Ich habe nie nachgedacht, dass die Gebärdensprache eigenes Struktur und Eigenschaften hat. Ich dachte, dass diese Sprache völlig Deutsch dubliert. Jedenfalls, war es sehr interessant, manche Geheimnisse von Gebärdensprache erkennen.
    Wir haben eigentlich gleiches Hobby – fremde Sprache lernen. Ich suche auch nach solche interessante Dinge, z.B. letztes Jahr amüsierte ich mich mit Morsealphabet.
    Wer weiß, vielleicht werde ich die Kurse besuchen.
    LG, Sabrine

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