Hinweis-Schild zur Ausstellung Pressefotografie

Die Erfindung der Pressefotografie

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Zu den Ursprüngen der Pressefotografie führt derzeit eine sehenswerte Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin, Unter den Linden. Der historische Rückblick wirft Fragen auf, die höchst aktuell sind. Welche Wirkung hat die Bilderflut auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit? Welche Bedeutung kommt Bildern beim visuellen Framing des Zeitgeschehens zu? Wie verändert sich die Korrelation von Bild und Text im Laufe der Zeit und wie wirkt sich das auf die Mediennutzung aus?

Rotationsdruck löst Medienrevolution aus

Es war die technische Neuerung des Rotationsdrucks, der um die Wende zum 20. Jahrhundert zu einer Medienrevolution führte. Die bis dahin üblichen Pressezeichnungen und Holzschnitte wurden durch Fotografien ersetzt. Neue journalistische Formate wie Bildreportagen entstanden. Mit Fotojournalisten und Bildredakteuren entwickelten sich neue Berufe. Bildagenturen wurden gegründet und bedienten neue Märkte. Illustrierte Zeitschriften und moderne Zeitungspublikationen erlebten den Aufschwung zu Massenmedien.

Berliner Illustrierte Zeitung als Meinungsführermedium

Am Beispiel der Berliner Illustrierten Zeitung (BIZ) zeichnet die Ausstellung diesen Prozess nach. Die Wochen-Zeitschrift des Ullstein-Verlags erschien von 1894 bis 1945. Mit einer zeitweiligen Auflage von fast zwei Millionen Exemplaren galt sie als erfolgreichste Publikumszeitschrift Deutschlands ihrer Zeit und erreichte breite Schichten der Bevölkerung. Mit ihrem vielfältigen Themenspektrum spiegelt sie den Zeitgeist nicht nur wider. Vielmehr setzt das Medium die Themen und hat erheblichen Anteil daran, wie das öffentliche Geschehen gesehen und interpretiert wird. Deutlich wird dies durch die zeitliche Gliederung in die drei Epochen: Kaiserreich, Weimarer Republik und Drittes Reich mit Zweitem Weltkrieg. Mit den politischen Zäsuren verändern sich die Gesellschaft und die Rolle, die die Zeitschrift als Meinungsbilder spielt.

Im Ausstellungsraum wird die Verbindung zwischen Technologie- und Medienrevolution wirkungsvoll inszeniert. Die 354 Originalabzüge aus dem rund fünf Millionen Aufnahmen umfassenden Ullstein-Archiv sind auf einer Endlos-Papierrolle angebracht, die durch den Raum läuft wie in der Rotationsmaschine einer Zeitungsdruckerei. Zwischendrin türmen sich hüfthohe Zeitungsstapel, die die Geschichte der BIZ nachzeichnen.

Authentizität versus Manipulation

Fotografien kamen bei den Lesern deshalb so gut an, weil sie im Vergleich zur Pressezeichnung als besonders authentisch empfunden wurden. Sie galten als Abbild der nicht beschönigten, ungeschminkten Wirklichkeit. Doch die Ausstellung zeigt, dass auch in Zeiten vor Photoshop schon kräftig bearbeitet und manipuliert wurde – nicht immer zwingend mit dem Ziel, den Betrachter zu täuschen, aber durchaus, um eine bestimmte Wirkung zu erreichen. So waren Retuschen üblich, um Kontraste hervorzuheben und das Druckergebnis zu verbessern. Auch für Fotomontagen, Veränderungen von Bildkompositionen und Auswahl von Bildausschnitten finden sich zahlreiche Beispiele. Kaiser Wilhelm II. nutzte die technischen Errungenschaften von Fotografie und Film, um sich bewusst als volksnaher Monarch zu inszenieren und ins rechte Licht zu rücken. Im Ersten Weltkrieg wurde die Bildpropaganda im Bild- und Filmamt institutionalisiert. Mit Hitlers Machtergreifung 1933 begannen die Nationalsozialisten, die deutsche Presselandschaft in ihrem Sinne umzugestalten. Sie übernahmen die Kontrolle über die Medien, erteilten Juden in Verlagen und Redaktionen Berufsverbot. Die Verleger-Familie Ullstein wurde vertrieben, Chefredakteur und Fotografen ausgetauscht, die Zeitschrift als Organ der nationalsozialistischen Ideologie instrumentalisiert. Beispiele zeigen, wie durch Montage, Beschnitt und falsche bzw. bewusst irreführende Bildunterschriften Antisemitismus geschürt wurde. Im Gegenzug dazu wurden Nazi-Größen als Sympathieträger inszeniert. Während des Krieges besaß die nationalsozialistische Propagandamaschinerie Monopol und Deutungshoheit über die offizielle Kriegsberichterstattung. Sämtliche Aufnahmen durchliefen eine penible Zensur.

Tribut an den Voyeurismus

Schon früh sicherten sich die Boulevardmagazine exklusive Bildrechte und bedienten den Voyeurismus ihrer Leser. Eine Bildreportage liefert zum Beispiel den privaten Blick – quasi durch das Schlüsselloch – in die Wohnungen eines Berliner Mietshauses. Auch eines der wohl ersten Paparazzo-Bilder findet sich in der Ausstellung. Es zeigt den abgedankten Wilhelm II., wie er im holländischen Exil im Park von Schloss Amerongen spazieren geht. Der niederländische Fotograf Ruben Vellemann schoss das Bild über die Parkmauer hinweg, versteckt in einem Heuwagen. Schauspieler, Künstler, Sportler und andere Prominente gerieten in den Fokus der Illustrierten und ihrer Fotografen. Zu sehen sind etwa eine Homestory des Boxers Max Schmeling und seiner Frau Anny Ondra und ein Urlaubsbild der Familie Thomas Mann. Gezeigt wird auch ein Schreiben, das die BIZ-Redaktion 1902 an den Postmeister von Vitte auf Hiddensee richtete. Darin bat sie um Aufnahmen des Schriftstellers Gerhart Hauptmann und fragte nach, wann dieser wieder zur Sommerfrische eintrifft – ein Wunsch, der prompt bedient wurde. Auch der Blick auf die große weite Welt fehlt nicht. Exotische Motive aus der Kolonie Deutsch-Ostaafrika bedienen die Sehnsucht nach Fremden, jedoch nicht ohne das zivilisatorische Sendungsbewusstsein und das von Rassismus geprägte Weltbild des Kaiserreichs zu transportieren.

Bild verdrängt Text

Anschaulich führt die Ausstellung dem Besucher vor Augen, wie sich in der BIZ das Verhältnis von Text zu Bild umkehrt. Die Genres von großzügig bebilderten Reiseberichten und der Bildreportage entstehen. Es sind nun die Bilder, die Geschichten erzählen. Text tritt in den Hintergrund – ganz nach dem Motto „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Die enorme Bilderflut macht das 20. Jahrhundert zum Jahrhundert des Bildes – ein ikonischer Paradigmenwechsel, der bis heute anhält und durch Digitalfotografie, Smartphones mit integrierten Kameras und Bewegtbild noch einmal eine neue Dynamik erhält.

Die enge Verzahnung von illustrierter Presse und Bewegtbild thematisiert auch die Ausstellung. So gründete Ullstein eine eigene Filmproduktionsgesellschaft  und vollzog damit eine crossmediale Erweiterung seines Geschäftsmodells. Norbert Jacques‘ „Dr. Mabuse, der Spieler“ erschien in der BIZ, bevor er von Fritz Lang verfilmt wurde. Die dabei entstandenen Standbilder verwendete der Verlag wiederum dazu, um den Film in seinen Illustrierten zu bewerben.

Unternehmenskommunikation im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit

Beim Ausstellungsbesuch begleiteten mich in Gedanken Walter Benjamin und sein Essay „Die Kunst im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“, den er 1935 im französischen Exil verfasst hatte. Seine Reflexionen treffen genau die Zeit und die Entwicklung, die auch die Ausstellung aufzeigt, nämlich die zunehmend durchtechnisierte Welt der Massenmedien und deren Rezeption. Dazu gehört auch die Gefahr der politischen Vereinnahmung durch den Faschismus. Nicht umsonst zählt der erkenntnistheoretische Aufsatz zu den Basiswerken der modernen Medientheorie.

Begleitet haben mich auch die frischen Eindrücke und Erkenntnisse, die ich unmittelbar vor dem Ausstellungsbesuch auf dem Kommunikationskongress gesammelt habe. Bewegtbild in der Unternehmenskommunikation war dort ein wichtiges Thema. Im Zeitalter von Internet und Social Media wollen die Nutzer unterhalten werden, konsumieren immer weniger Text, bevorzugen stattdessen mehr kurze, leicht verdauliche Inhalte, am liebsten Bilder und Videos. Die Rede ist von „snackable content“, möglichst authentisch natürlich. Die Spiralen von Technik und Geschichte drehen sich weiter…

 

Deutsches Historisches Museum, Berlin. Die Erfindung der Pressefotografie. Aus der Sammlung Ullstein 1894-1945. Zu sehen bis 31. Oktober 2017. Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr.

Publikation zur Ausstellung: Die Erfindung der Pressefotografie. Aus der Sammlung Ullstein 1894-1945. Hrsg. Stiftung Deutsches Historisches Museum und ullstein bild / Axel Springer Syndication GmbH. Hatje Cantz Verlag, Berlin 2017. 208 Seiten. 28,00 Euro. ISBN 978-3-7757-4324-2

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 12. Oktober 2017
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