Emil Stumpp: Pressezeichner zwischen Kunst und Journalismus

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Gerade noch geschafft. In der Mittagspause habe ich mir gestern endlich die kleine, aber feine Ausstellung zu Emil Stumpp im Grafischen Kabinett in der Maximilianstraße angesehen. Sie zeigt eine Auswahl von 40 der rund 15.000 Porträts aus dem Nachlass eines der bekanntesten Pressezeichner der Weimarer Republik.

Pazifist und Chronist seiner Zeit

Der erste Raum ordnet das Schaffen von Emil Stumpp (1886-1941) ein in eine Zeit, in der die Pressefotografie noch in den Kinderschuhen steckte, und das Zeitgeschehen mit dem Zeichenstift dokumentiert und kommentiert wurde. Dabei bewegte sich der Berufsstand der Pressezeichner zwischen Kunst und Journalismus. Stumpp besaß sowohl Talent für das Zeichnen als auch für das Schreiben. Dadurch war er für seine Auftraggeber vielseitig einsetzbar. Redaktionen schickten ihn etwa zu internationalen Kongressen und Sportveranstaltungen, von denen er Bild- und Texteindrücke lieferte. Auch in seinen Tagebüchern protokollierte er Anekdoten über die Begegnungen mit den Persönlichkeiten, die er zeichnete. Stumpps außergewöhnliches Können bestand in seiner scharfen Beobachtungsgabe. Und darin, schnell und pointiert das Wesentliche eines Charakters zu erfassen und dieses in wenigen Strichen mit dem Kohlestift auf Papier zu bannen. Für Franklin D. Roosevelt blieben ihm 1932 während des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs gerade einmal zehn Minuten. Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann gewährte ihm immerhin 17 Minuten.

Charakterköpfe

Gerne wäre man dabei gewesen, als er die Großen dieser Welt zeichnete, die in der Ausstellung zu sehen sind. Etwa Bert Brecht, der Stumpp am 30. Mai 1925 in dessen Berliner Atelier aufsuchte und als Gegenwert für zehn Drucke Bücher schickte. Thomas Mann zeichnete Stumpp 1929 auf der Fähre, als beide zur Verleihung des Literaturnobelpreises nach Stockholm reisten. Alfred Döblin, Carl Zuckmayer, Alfred Kerr und Kurt Tucholsky, der sich als „wohlgetroffenes Opfer“ artig bei Stumpp bedankte. Charakterkopf Heinrich George und Hans Albers, deren Arrangement mit dem politischen Regime während der NS-Zeit nicht unumstritten ist. Die Malerkollegen Käthe Kollwitz, Max Liebermann, Lovis Corinth und Heinrich Zille. So unterschiedliche Charaktere wie der Boxer Max Schmeling und der Physiker Albert Einstein. Die fertigen Porträts ließ sich Stumpp von den Porträtierten eigenhändig signieren, was seinen Lithografien eine besonders persönliche Note verleiht.

Karikatur führt zu Berufsverbot

Dass Emil Stumpp pointiert zeichnen konnte, war bekannt. Das wurde ihm zum Verhängnis, als anlässlich des Geburtstags Adolf Hitlers am 20. April 1933 eine wenig schmeichelhafte Karikatur des Reichskanzlers auf der Titelseite des Dortmunder General-Anzeigers erschien. Die SA unterstellte „böswillige Absicht“ und nahm den Vorfall zum Anlass, um Druckerei und Redaktion zu besetzen und gleichzuschalten. Damit entledigten sich die Nationalsozialisten eines unbequemen Mediums: Der Dortmunder General-Anzeiger war als auflagenstärkste Zeitung außerhalb Berlins weit verbreitet und für seine linksliberal-pazifistische Grundhaltung bekannt. Stumpp verlor damit seinen Hauptauftraggeber und erhielt Berufsverbot. Seine Karriere als Pressezeichner war beendet. Sich und seine Kinder hielt der leidenschaftliche Pazifist fortan mit Landschaftszeichnungen über Wasser. Im Oktober 1940 wurde er verhaftet und wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz und unerlaubtem Umgang mit Kriegsgefangenen verurteilt. Emil Stumpp starb am 5. April 1941 im Alter von 55 Jahren im Gefängnis.

Die Website des Emil-Stumpp-Archivs zitiert den Schriftsteller Ernst Wiechert: „Stumpp war ein überzeugter Sozialist und ein Mensch mit eigenen Gedanken, ein furchtloser und makelloser Charakter (…). Er wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und ist während der Haft gestorben, aufrecht und furchtlos, und wenn ich mich seines Löwenhauptes erinnere, erinnere ich mich auch des besten, was ich auf der Erde besessen habe: der Freundschaft und Liebe der wenigen Furchtlosen, die wir in unserem Lande in den Zeiten der Furcht gehabt haben.“

Die Ausstellung ist noch bis Sonntag geöffnet. Wer es noch nicht dorthin geschafft hat, sollte sich beeilen. Es lohnt sich!

Der Pressezeichner Emil Stumpp. Pazifist und Chronist seiner Zeit. Ausstellungsdauer: 21. Juli 2017 bis 11. Februar 2018. Kunstsammlungen & Museen Augsburg in Kooperation mit der Stiftung Deutsches Zeitungsmuseum. Grafisches Kabinett. Maximilianstraße 46 in Augsburg. Öffnungszeiten: Di – So 10 – 17 Uhr, Eintritt frei.

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 9. Februar 2018
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