Brainhacking: Selbstoptimierung um jeden Preis?

Pinnwand Kommentare (0)

Miriam Meckel ist eine kluge und beeindruckende Frau. Nicht nur, weil sie eine atemberaubende Karriere hingelegt hat, sondern vor allem, weil sie die brennenden Themen unserer Zeit kritisch reflektiert und die richtigen Fragen stellt. Nach dem Ratgeber, wie man sich dem Dauerfeuer moderner Kommunikation entzieht (Das Glück der Unerreichbaren, 2007) und dem persönlichen Erfahrungsbericht ihres Burnouts (Brief an mein Leben, 2010) legt sie nun ihre neueste Monographie vor: Mein Kopf gehört mir. Eine Reise durch die schöne neue Welt des Brainhacking. Darin fasst sie den aktuellen Stand der neurowissenschaftlichen Forschung und Entwicklung zusammen, reichert ihn um Selbstversuche an und bettet ihn ein in ein moralisch-ethisches Manifest. Es handelt sich um eine „Anregung zum Nachdenken über das Denken“.

re:publica 2017: Mein Kopf gehört (nicht mehr) mir

Schon als ich Miriam Meckel vor genau einem Jahr auf der re:publica 2017 in Berlin über das Thema sprechen hörte, war ich buchstäblich angefixt. Ihr Vortrag hatte etwas von Science Fiction, und dabei sind die Experimente, von denen sie berichtete, längst Realität in Forschungslaboren und Entwicklungsabteilungen. Schwang im damaligen Vortragstitel (Mein Kopf gehört nicht mehr mir) noch ein wenig Hoffnungslosigkeit und Resignation mit, trägt das Buch ein geradezu trotziges und selbstbewusstes Statement auf dem Cover zur Schau: Mein Kopf gehört mir. Damit knüpft sie ganz bewusst an die Frauenbewegung an, die in den 1970er-Jahren ihr Recht auf Abtreibung und Selbstbestimmung über den eigenen Körper einforderte. Nun geht es also ums Gehirn. Und geht es nach Miriam Meckel, sollten die möglichen Folgen des Zusammenwachsens von Neuro-, Bio- und Computerwissenschaft die nächste Freiheitsbewegung auf den Plan rufen.

Neurokapitalismus: Gefahr der kognitiven Eugenik

Dabei ist Miriam Meckel alles andere als eine Tech-Verweigerin oder Zukunftspessimistin. Wie viele von uns ist sie fasziniert von den praktischen und medizinischen Verheißungen, die neue Technologien mit sich bringen. Was für ein großartiger Fortschritt, wenn zum Beispiel gelähmte Patienten über eine Computer-Hirn-Schnittstelle einen Roboterarm bewegen und sich so ein Stück Freiheit zurückerobern können. Meckel mahnt jedoch zu einer gesunden Skepsis vor den mitunter Furcht einflößenden Tech-Phantasien des Neurokapitalismus. Diese neue Gesellschaftsform führe zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft: die Optimierten und die Nichtoptimierten, die Integrierten und die Ausgeschlossenen, die Mitläufer und die Verweigerer. Sie spricht sogar von der „Gefahr der kognitiven Eugenik“, die auf uns zukomme. In einer Welt, in der emotionale Qualitäten und Soft Skills nicht mehr zählen, und in der der Fetisch um die kognitive Leistungsfähigkeit alles bestimmt.

In der Entwicklung der Menschheitsgeschichte haben wir durch die Aufklärung gelernt, das Individuum zu verehren, als Unikat und eben auch weil es nicht in allem erklärbar und vorhersagbar ist. Seit etwa zwanzig Jahren wenden wir uns Schritt für Schritt von diesem Respekt vor der menschlichen Einzigartigkeit ab und dafür einer Verehrung der analytischen Perfektion zu. Der Mensch ist dann perfekt, wenn er verstanden und vorhergesagt werden kann. Nicht nur irgendwie, sondern sehr genau, bis in die kleinsten Details seiner Vorlieben, Wünsche und bevorstehenden Entscheidungen oder Handlungen.

Vom Schrittzähler zum Gehirnimplantat

Meckel schildert anhand von vielen Beispielen, wie wir längst damit begonnen haben, mithilfe von Technologie, mithilfe von Medikamenten und Neurochirurgie unser Gehirn und unser Denken zu verändern. Das fängt an mit Schrittzählern und Apps, mit denen die sogenannte Quantified-Self-Bewegung sich selbst vermisst, Gesundheitsdaten sammelt und mit anderen vergleicht. Es geht weiter mit einem weltweiten Trend zu Gehirn-Tuning durch Pillen und technische Geräte. Durch sie lassen sich die Leistungskraft steigern, der Schlaf verkürzen und wahlweise bestimmte Gemütszustände hervorrufen. Und es reicht bis zu den ersten Cyborgs – Menschen, die sich bereits Elektroden ins Gehirn einpflanzen ließen.

Selbstversuche: was schon geht

Mit dem Forscherdrang einer Wissenschaftlerin und der Neugier einer Journalistin unternahm Meckel für das Buch jede Menge Selbstversuche und dokumentierte diese. So begab sie sich knapp 24 Stunden lang in einen dunklen, schallisolierten Kellerraum, um zu erfahren, was diese Erfahrung mit ihrem Gehirn anstellt. Sie schluckte Ritalin und Modafinil. Sie traktierte sich selbst per Smartphone-App mit Stromstößen, die ihre Gehirnaktivitäten über Elektroden wahlweise stimulieren und runterregeln sollten. Ein andermal gelang es ihr – ebenfalls über am Kopf befestigte Elektroden –, allein per Kraft ihrer Gedanken, das Wort „Interface“ in einen Computer hineinzudenken. Das war anstrengend und dauerte, aber es funktionierte.

Das Spiel mit dem neuronalen Feuer

Bei Facebook arbeitet ein Team von 60 Forschern daran, die Arbeit eines solchen Gedankenschreibers deutlich zu beschleunigen. 100 Worte pro Minute sollen es sein, das hatte das Unternehmen auf der Entwicklerkonferenz F8 Ende April 2017 angekündigt. Und betont, es ginge lediglich darum, Hirnsignale direkt in Schrift umzuwandeln. Wahlloses Ausforschen von Gedanken? Sei nicht gewollt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Auch der Serienunternehmer Elon Musk entwickelt mit seinem Start-up Neuralink Hirn-Computer-Schnittstellen. Er glaubt daran, dass sich bis Mitte dieses Jahrhunderts menschliche Gehirne mit Computern und untereinander vernetzen lassen. Dadurch entstünde eine Art Hirncloud, in der sich Gedanken direkt auslesen und austauschen lassen. Bei Ratten, so erfahren wir im Buch, ist es Wissenschaftlern übrigens bereits geglückt, solche bioneuronalen Netze herzustellen. Meckel fragt zu Recht: Wer schützt die Gedanken in dieser Welt? Wer hat das Copyright? Wo bleibt die menschliche Freiheit, wenn Gedanken direkt aus dem Gehirn gelesen werden? Was passiert, wenn Gehirne und Gedanken gehackt und manipuliert werden?

Weltweit forschen Tech-Konzerne, Start-ups, Regierungseinrichtungen und medizinische Institute am Zusammenwachsen von Mensch und Maschine. An Menschen, die mathematisch-optimiert werden sollen. Und an Robotern, die immer menschlichere Züge tragen. Ein Spiel mit dem neuronalen Feuer. Denn gelingt der Merger von Mensch und Maschine, stellt sich die Frage: Wer von beiden behält die Oberhand? Szenarien, in denen sich künstliche Intelligenz verselbstständigt, gibt es bereits.

Dürfen wir alles, was wir können?

Für Meckel ist klar: „Wir sind dabei, eine gefährliche Grenze zu überschreiten.“ Die Grundproblematik sieht sie darin, dass der Mensch an der Optimierung des Gehirns forscht, obwohl er das Gehirn selbst noch gar nicht vollkommen verstanden hat: „Es wäre gut, genauer zu wissen, wie Bewusstsein entsteht, bevor wir uns daranmachen, das Gehirn mit Nanotechnologien zu pushen.“

Bleibt zu hoffen, dass Philosophen, Ethiker, Neurojuristen und Grenzgänger zwischen (geistes-)wissenschaftlichen Disziplinen und Journalismus wie Meckel dafür sorgen, dass essenzielle Fragen gestellt, gehört und diskutiert werden. Es geht um heikle moralische und rechtliche Fragen, die sich ergeben, wenn unser Gehirn Teil des öffentlichen Datenuniversums wird. Meckel nennt vier elementare Menschenrechte für die Zukunft: die Gedankenfreiheit als Grund- und Menschenrecht, das Recht auf geistige Privatsphäre, die Integrität des eigenen Denkens und psychologische Beständigkeit. Sie fordert: „Wir müssen die Autonomie über unseren Kopf behalten – als Privatsphäre des Denkens, als Kreativraum und Refugium des Bewusstseins.“

Die Gedanken sind frei

Am Schluss steht der Appell, kritische Fragen zu stellen, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen und dafür, diese zu gestalten. Es sei höchste Zeit, darüber nachzudenken, in welcher Gesellschaft wir künftig leben wollen und in welcher wir nicht leben wollen.

Meckels Fazit: „Wenn es schlecht läuft, werden wir viel verlieren von dem, was unsere Welt und das Leben schön macht: Kreativität, Emotionen, geistige Einzigartigkeit und die Fähigkeit, Menschen und Dinge zu lieben. Wenn es gut läuft, wird es uns gelingen, die beiden Zustände zu verbinden und in einer großartigen Welt zu leben. In ihr werden die Maschinen alles erledigen, was sie schneller, besser und effizienter können, auch beim Denken. Die Menschen aber werden Zeit und Muße gewinnen, ihre Stärken zu stärken, die Fantasie, die Subjektivität und Individualität, ihre Freiheit und Unabhängigkeit.“

Miriam Meckel: Mein Kopf gehört mir. Eine Reise durch die schöne neue Welt des Brainhacking.
Piper Verlag, 2018. 288 Seiten. Hardcover mit Schutzumschlag. ISBN 978-3-492-05907-7. 22,00 Euro

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Miriam Meckel (Jahrgang 1967) ist Herausgeberin der Wirtschaftswoche und Professorin für Unternehmenskommunikation an der Universität St. Gallen. Mit Anfang 30 wurde sie Regierungssprecherin und Staatssekretärin für Medien in Nordrhein-Westfalen, sie war jüngste Professorin Deutschlands und wurde 2014 – als erste Frau – Chefredakteurin der Wirtschaftswoche. Ihre beruflichen Anfänge machte sie als Redakteurin und Moderatorin beim Fernsehen. Zuvor studierte sie in Münster und Taipeh Publizistik und Kommunikationswissenschaften, Sinologie, Politikwissenschaft und Jura.

 

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

» Pinnwand » Brainhacking: Selbstoptimierung um jeden Preis?
Am 27. April 2018
Von
, , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »