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Aus Fehlern lernen: eine Frage der Kultur

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Ganz schön schwer kommt es daher und in großem Format. In Leinen gebunden. Mit doppeltem Lesebändchen. Und dabei ist es nicht die aufwändige Aufmachung, die es so wertvoll macht, sondern der Inhalt. Auch der ein buchstäblich schweres Format: Mehr als 90 deutsche Unternehmer bekennen ihren größten Fehler.

Fehler? Über die spricht man nicht. Zumindest hierzulande. Tut man eben doch. Und das immer häufiger. So wie im Managementbuch von Impulse. Chefredakteur Nikolaus Förster hat darin die Bekenntnisse gebündelt, die seit dem Frühjahr 2009 als Rubrik in dem Wirtschafts- und Unternehmermagazin erschienen sind.

Da ist zum Beispiel der Schulbuchverleger Michael Klett, der in den 1980er-Jahren angesichts sinkender Schülerzahlen kurzerhand in den privaten Rundfunk einstieg – ein Geschäft, von dem er nichts verstand. Zwei Jahre später zog er die Reißleine, da hatte er zehn Millionen D-Mark in den Sand gesetzt.

Oder Theo Hartl, Inhaber des Biosenf-Herstellers „Münchner Kindl“, der sich in Auftragsarbeit verstrickte, sich dadurch von einem Hauptkunden abhängig machte und seine eigene Marke sträflich vernachlässigte.

Persönliche Eitelkeit war es, die Titus Dittmann, Chef des Skateboard-Herstellers Titus, zu einem Börsengang verleitete. Der jedoch platzte. Familien- und Investoreninteressen prallten aufeinander, Berater drohten das Unternehmen auszubluten, was fast zur Insolvenz führte.

Auch zwei Augsburger Unternehmer räumen Fehler ein. Heinz Greiffenberger etwa bereute, dass er als 33-Jähriger nicht seiner inneren Stimme folgte. Er ließ sich zu einem Intermezzo als Chef des Porzellanfabrikanten Rosenthal überreden und „verlor“ dadurch zehn Jahre, bevor er seine eigene Firmengruppe gründete. Sebastian Priller, der Senior-Chef der Brauerei Riegele, gibt zu, zu früh ins Familienunternehmen eingestiegen zu sein. Beim Generationswechsel sei er zu unerfahren gewesen, hätte zu wenig Berufseinblicke in andere Unternehmen gehabt, die Kompetenzen und Perspektiven seien nicht ausreichend geklärt gewesen, so seine Bilanz.

Freimütig und selbstkritisch offenbaren 85 Unternehmer und fünf Unternehmerinnen aus unterschiedlichen Branchen ihre bittersten Niederlagen. Auf den großzügigen Doppelseiten mit ausdruckstarken Schwarzweiß-Porträts und kurzer Vita erscheinen sie nüchtern und reflektiert. Ästhetisch, aber keineswegs verklärt. Im Rückblick bringen diese Fehler eine Reihe wertvoller Erkenntnisse hervor, das öffentliche Bekenntnis lässt die Fehlgeleiteten an Größe gewinnen. Denn, man ahnt es schon, in den meisten Fällen haben die Unternehmer das Ruder rumgerissen, sich nicht unterkriegen lassen und eine noch eindrucksvollere Erfolgsgeschichte nachgeschoben. Beim ein oder anderen blitzt der mit diesem Erkenntnis- und Läuterungsprozess verbundene Schmerz noch durch. Vor allem dann, wenn es nicht nur um verlorenes Kapital ging, sondern um menschliche Enttäuschungen.

Zehn Lektionen für Unternehmer

Zehn Lektionen leitet der Herausgeber daraus ab. Sie gliedern das Werk in Kapitel, denen er jeweils eine kurze Einleitung voranstellt.

  1. Folgen Sie Ihrer inneren Stimme!
  2. Verteidigen Sie Ihre Unabhängigkeit!
  3. Wachsen Sie aus eigener Kraft!
  4. Unterschätzen Sie nicht Mentalitäten!
  5. Schließen Sie nicht voreilig Geschäfte ab!
  6. Wählen Sie Partner sorgfältig aus!
  7. Fördern Sie eine unternehmerische Firmenkultur!
  8. Vernachlässigen Sie nicht Ihre Stärke!
  9. Glauben Sie an sich selbst!
  10. Überlassen Sie anderen die Bühne!

Manchen fällt es leicht, über Fehler zu reden. Andere können es gar nicht.

Warum nur reden wir so ungern über Fehler, Hindernisse und Hürden? In unserer Agentur begegnen wir dieser weit verbreiteten Zurückhaltung immer wieder. Etwa wenn es um Anwender- und Referenzgeschichten geht oder um die plausible Erklärung verfehlter Geschäftsziele bei der Bilanzvorlage. Da hat es in einem erfolgreich abgeschlossenen Projekt zwischendurch gehörig geknirscht? Ein Problem konnte erst im zweiten Anlauf gelöst werden? Unvorhergesehene Ereignisse haben Pläne gehörig durcheinander gewirbelt? Hätte es nicht Größe, über solche Hindernisse offen zu sprechen? Zu schildern, wie das Unternehmen den Herausforderungen begegnet ist und die Hürden überwunden hat? Weckt es nicht Vertrauen in die Kompetenz und Erfahrung eines Partners, wenn der es versteht mit schwierigen Situationen souverän umzugehen? Macht es erfolgreiche Unternehmer nicht gerade aus, Neues zu wagen, (kalkulierbare) Risiken einzugehen und Niederlagen wegzustecken? Dass im Leben nicht immer alles glatt läuft, weiß ohnehin jeder. Und dass manchmal mehrere Anläufe nötigt sind, bis etwas gelingt, auch. Manchen fällt es leichter das zuzugeben, wenn negative Erfahrungen in der Vergangenheit liegen und überstanden sind. Andere können es gar nicht. Das scheint nicht nur mit der persönlichen Einstellung zusammenzuhängen, sondern auch mit dem kulturellen Hintergrund.

Die Kultur der zweiten Chance

„Versuch und Irrtum“ lautet eine schlichte Managementformel. Oder mit anderen Worten: hinfallen, aufstehen, weitermachen. Wer die zweite Chance nutzt, verdient Anerkennung. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass eine konstruktive Fehlerkultur dazu beiträgt, Grenzen auszuloten, Neues zu entdecken und aus Fehlern Kapital schlagen zu können. Weit verbreitet ist diese Haltung in den USA, wo die Startup-Szene besonders erfolgreich ist, und Firmenpleiten durchaus gesellschaftlich akzeptiert werden. In Deutschland hingegen ernten einmal gescheiterte Unternehmer gerne „Spott und Häme“, worüber sich der FDP-Politiker Christian Lindner in einer unvergessenen Wutrede im nordrhein-westfälischem Landtag echauffierte.

Das Prinzip der Null-Fehler-Toleranz

Dem entgegen steht das Management der „Null-Fehler-Toleranz“. Perfektion als Prinzip. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Wurzeln dazu in der amerikanischen Rüstungsindustrie liegen. Wer möchte schon, dass lässig Fehler einkalkuliert werden, wenn es um Menschenleben geht? Gelebt wird dieses Prinzip auch in der japanischen Lebens- und Arbeitsphilosophie Kaizen und in der produktionslastigen Industrie in Deutschland. Es bedarf aber nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, wie sich diese Haltung dauerhaft auf die Unternehmenskultur auswirkt. Aus Angst vor Sanktionen neigen Menschen dazu, in der Komfortzone zu verharren, Fehler zu vertuschen und unter den Teppich zu kehren. Ein Hemmnis für Innovation? Eine Steilvorlage für Skandale? Kann, muss aber nicht sein. Das zeigt zum Beispiel die konsequente Aufarbeitung von Unfällen in der Luftfahrt. Gemeinsam arbeiten hier sogar Wettbewerber daran, Fehler zu analysieren und mögliche Fehlerquellen auszuschaltet, um künftige Katastrophen zu vermeiden. Dieses Vorgehen dient inzwischen auch anderen Branchen, zum Beispiel dem Gesundheitswesen, als Vorbild. Die Voraussetzung dafür: über Fehler sprechen.

Mein größter Fehler: Bekenntnisse erfolgreicher Unternehmer. Tellus Books. Hamburg, 2016. 244 Seiten, 50,90 Euro. ISBN 978-3-946603-01-6.

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 5. Mai 2017
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One Response to Aus Fehlern lernen: eine Frage der Kultur

  1. Das ist ein spannender Artikel. Vielen Dank dafür. Ich finde, dass vielen Chefs diese Haltung gut tun würde und der Mitarbeiter viel mehr leisten könnte/würde mit dem Wissen, dass Fehler auch erlaubt sind.

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