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„Wischkompetenz ist keine Medienkompetenz“ – Augsburger Mediengespräche über Hasskommentare

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„Hass im Netz: Was wir gegen Beleidigungen und Hetze tun können“ lautete das Thema der 15. Augsburger Mediengespräche. Dazu diskutierten Medienexperten, Politiker, Wissenschaftler und Betroffene vorgestern Abend im Augsburger Rathaus. Wie begegnet man Hasskommentaren? Ein zentrales Thema war das umstrittene Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG). Ist ein schlechtes Gesetz besser als gar keins?

Die Keynote-Speakerin Ingrid Brodnig wies schon in ihrem Einführungsvortrag auf die Verantwortung der Justiz hin und dass Beleidigungen und Verleumdungen im Netz auch strafrechtlich belangt werden müssen. Das am 1. Oktober 2017 in Kraft getretene NetzDG wurde in der anschließenden Podiumsdiskussion jedoch von mehreren Teilnehmern stark kritisiert. Mit der heißen Nadel sei es gestrickt worden, meinte der bayerische Staatssekretär Franz-Josef Pschierer. Eine Nachjustierung sei dringend notwendig. Auch andere Teilnehmer äußerten ihre Kritik an dem Gesetz. Etwa, dass Online-Spiele explizit ausgenommen wurden, wo es doch wichtig wäre, gerade Kinder und Jugendliche vor der gewaltverherrlichenden Sprache in solchen Spielen zu schützen, so der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger vom Institut für Polizeiwissenschaft der Fachhochschule der Polizei in Oranienburg. Damit die Strafverfolgung funktionieren könne, müssten auch viel mehr Anzeigen erstattet werden, meinte Rüdiger. So sollten Betreiber von Plattformen verpflichtet werden, bei Verstößen eben nicht nur die Hasskommentare zu löschen, sondern auch strafrechtlich gegen deren Verfasser vorzugehen. Andererseits will Rüdiger auch den Rechtsstaat hier mehr in die Pflicht nehmen sowie Menschen motivieren, Anzeigen zu erstatten.

Was tun gegen Hasskommentare?

Doch wie reagiert man nun, wenn einem Hass im Netz begegnet? Stefan Glaser, stellvertretender Leiter von Jugendschutz.net und Vorstandsmitglied im International Network Against Cyberhate (INACH), sieht je nach Situation unterschiedliche Methoden. Neben dem Melden oder Anzeigen könne man auch solidarisch mit dem Angegriffenen sein und eine Gegenrede etablieren. Als Beispiel wurde etwa die Facebook-Gruppe #ichbinhier genannt, die gegen Hasskommentare und Hetze im Internet vorgeht, indem die Mitglieder sachliche und respektvolle Kommentare posten und liken.

Die Journalistin und Bloggerin Ronja von Rönne wurde schon öfter im Netz beschimpft und beleidigt. Die Frage, warum jemand Hassbotschaften im Netz verbreitet, stellt sie sich gar nicht. „Leute waren schon immer frustriert.“ Sie würde auch nicht mit diesen Leuten ins Gespräch kommen wollen, wie die Grünen-Politikerin Renate Künast, die im vergangenen Jahr einige Verfasser von Hasskommentaren persönlich aufgesucht hatte, um sie zu fragen, warum sie so etwas schreiben. Wie Ronja von Rönne mit Shitstorms umgeht? „Den Laptop zumachen.“ Die Journalistin nimmt den Hass von Leuten, mit denen sie nicht zusammen Weihnachten feiert, gar nicht ernst. Doch das erfordere einen Abstraktionsgrad, der bei Jugendlichen oft (noch) nicht vorhanden sei.

Augsburger Mediengespraeche 2017_Hasskommentare

Sandra Rieß (3. von rechts) moderierte die Podiumsdiskussion mit (von links) Gertrud Nigg-Klee, Stefan Glaser, Ronja von Rönne, Franz-Josef Pschierer und Thomas-Gabriel Rüdiger.

Medienkompetenz vermitteln, aber wie?

Beim Thema Kinder und Jugendliche ging es schließlich um Medienkompetenz und ob nun die Schule oder die Eltern dafür verantwortlich wären, diese zu vermitteln. Gertrud Nigg-Klee vom Bayerischen Lehrerverband im Bezirk Schwaben betonte, wie wichtig es sei, erst mal die Sozialkompetenz der Kinder zu stärken – auch, um über Probleme wie Cybermobbing in der Klasse zu sprechen. Cyberkriminologe Rüdiger wies auf die mangelnde Medienkompetenz von Erwachsenen im Allgemeinen hin. Selbst die Generation, die mit digitalen Medien aufwachse, sei nicht automatisch kompetent, diese verantwortungsvoll zu nutzen: „Wischkompetenz ist keine Medienkompetenz.“

Doch dann war die Diskussion auch schon zu Ende – leider ohne ein Fazit oder abschließende Worte der einzelnen Teilnehmer. Und ohne die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Mein Fazit: Es wurde etwas zu ausführlich über das NetzDG gesprochen, wodurch für andere Themen weniger Zeit blieb. Auch blieben manche Fragen unzureichend beantwortet. Ich hätte mir außerdem mehr das Gespräch zwischen den Teilnehmern gewünscht. Dazu kam es jedoch nur einmal kurz, als Ronja von Rönne Staatssekretär Pschierer fragte, wie er Medienkompetenz denn im Matheunterricht vermitteln wolle (er plädierte nämlich für eine fächerübergreifende Vermittlung dieser Kompetenz anstelle eines eigenen Schulfachs).

Über Andrea Finkel

Die Komma-Queen: begeistert sich für alles, was mit Sprache zu tun hat – auch Grammatik und Rechtschreibung. Komplexe Themen wecken ihren Ehrgeiz.

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Am 10. November 2017
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