Plakat zur Ausstellung Art and Alphabet

Art and Alphabet: A bis Z in der Hamburger Kunsthalle

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Wann immer es meine Zeit erlaubt, versuche ich Geschäftstermine in anderen Städten mit dem Besuch eines Museums oder einer Ausstellung zu verbinden. Dort lasse ich mich inspirieren und hole mir Impulse für meine Arbeit. Vergangene Woche führte mich mein Weg nach Hamburg und ich nutzte die Gelegenheit, um mir in der Kunsthalle die Ausstellung Art and Alphabet anzusehen. Sie war erst wenige Tage zuvor eröffnet worden und läuft bis Ende Oktober. Besonders den Wortakrobaten und Sprachfetischisten und unter Euch sei sie empfohlen.

Schon das Plakat zur Ausstellung hatte mich neugierig gemacht: Eine Frau im roten Kleid biegt und streckt sich und bildet so mit ihrem Körper Buchstaben des lateinischen Alphabets nach. Schriftsprache wird zur Körpersprache. Ich erfahre, dass es sich um die polnische Künstlerin Paulina Olowska handelt, die auf diese Weise im Rahmen einer Performance am Museum of Modern Art in New York im Jahr 2012 Gedichte nachbilden ließ. Damit nimmt sie Bezug auf die tschechische Kunstform des Poetismus, die die Welt als Gedicht betrachtet – eine schöne Idee.

Paulina Olowska

Identitätsbildend innerhalb eines kulturellen Kontexts

Insgesamt präsentieren 22 Künstlerinnen und Künstler aus 15 Nationen Werke, in denen sie sich mit Zeichensystemen, Buchstaben, Wörtern, Schriften und Texten sowie dem Wechselverhältnis von Schrift und Bild auseinandersetzen. Dass das Erlernen einer Sprache identitätsbildend ist und innerhalb eines bestimmten kulturellen Kontext stattfindet, macht der kosovarische Künstler Petrit Halilaj deutlich: Seine Lesefibel, deren Seiten als Tapete auf die Wand aufgezogen sind, zeigt nicht nur harmlose Alltagsszenen aus dem Leben der Schulkinder, sondern eben auch die Unterdrückung der albanischen Bevölkerung durch die serbische Regierung.

Je nachdem, mit welchem Kulturkreis der Besucher vertraut ist, erschließen sich ihm die lateinischen, arabischen, kyrillischen oder chinesischen Zeichensysteme mal leichter, mal schwerer.

Aber auch auf vollkommen neue Zeichensätze gilt es sich einzulassen. Etwa auf den kryptischen Schriftsatz von Ayse Erkmen, der aus den Sonderzeichen der Tastatur besteht und den Nonsense-Satz „The quick brown fox jumps over the lazy dog“ formt. Blindtext, der gerne von Grafikern verwendet wird, da in dem Satz alle Buchstaben des Alphabets vorkommen. Ganz individuell ist auch das Baum-Alphabet von Katie Holten. Und auf die viktorianische Tradition der Blumensprache stützen sich die harmlos wirkenden, aber bedeutungsvollen Blumensträuße, in die Natalie Czech Ausstellungskritiken übersetzt. Organische Pflanzen scheinen sich gut für sprachliche Experimente zu eignen. Nicht so beim Video „Teaching a plant the alphabet“ des amerikanischen Konzept- und Medienkünstlers John Baldessari. Mit grenzenloser Geduld versucht er einer Topfpflanze das Alphabet beizubringen – ein absurdes Unterfangen, das erfolglos bleibt: Die Topfpflanze bleibt regungslos, es kommt zu keiner Verständigung.

The quick brown fox jumps over the lazy dog

Orientierungslos in verworrenenen Sprachströmen

Unverständlich und doch ausdrucksstark bleibt die Klanginstallation „Dictionary“ des Syrers Mekhitar Garabedian. Aus den 38 im Raum verteilten Lautsprechern ergießt sich ein phonetischer Wasserfall, in den man eintauchen und schwimmen kann. Vier Sprecher lesen aus einem Wörterbuch Worte vor, die mit jeweils einem Buchstaben des armenischen Alphabets beginnen. Der Zuhörer bleibt orientierungslos in den verworrenen Sprachströmen zurück.

Bei Mounira Al Solh besteht die bunte Mischung aus arabischen, französischen und englischen Sprach- und Schriftfetzen, eben so wie es für ihre Heimatstadt Beirut typisch ist. „All mother tongues are difficult“ – eine Erkenntnis von Menschen mit häufigen Ortswechseln und Migrationserfahrung.

Vielfältige Zeichensysteme und künstlerische Ausdrucksformen

Die Reise durch die Ausstellung ist deshalb so abwechslungsreich und inspirierend, weil man neben vielfältigen Zeichensystemen und Sprachen auch verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen begegnet, die mit unterschiedlichen Sinnen erfahren werden können: Videoinstallationen, Klangskulpturen, Performance, Patchwork-Arbeiten, Fotografie, (Wand-)Malerei, Zeichnung, Text.

Buchstabenzirkus von Michael Bauch

Hier der Buchstabenzirkus von Michael Bauch, eine Skulptur, die Relikte einer Reklame von einer Baustelle spielerisch-artistisch in das Museum transferiert. Dort die Textkörper, die typografisch die Dramaturgie der erzählten Geschichten illustrieren. Hier das Gebärdensprachvideo, das erotische Gesten mit Schatten an die Wand wirft. Dort die rezitative Interpretation der Buchstabenfolge ASDFGHJKLÖ, die sich in der mittleren Reihe der deutschen Schreibmaschinen-Tastatur finden. Hier das aus Gewürzen gestaltete „Eatable Alphabet“. Im Vorraum dazu Martha Roslers feministische Videoarbeit „Semiotics of the kitchen“ von 1975. Sie demonstriert in alphabetischer Reihenfolge Küchenutensilien und reflektiert damit kritisch das stereotype Rollenbild der (Haus-)Frau. Die Küchengeräte werden zur Waffe, bis das Rollenbild schließlich zerschlagen ist.

Entwicklung vom Schriftzeichen zur bildlichen Darstellung

Die Ausstellung bildet die Entwicklung vom Schriftzeichen zur bildlichen Darstellung ab. Zufall? Sicher nicht. In einer Zeit, in der Menschen tendenziell weniger lesen, mehr auf Bilder fixiert sind und zunehmend Bewegtbild dem geschriebenen Wort vorziehen, ist das nur konsequent. Das Dechiffrieren von Zeichen und die Suche nach Sinn und Bedeutung bleibt spannend – ob es nun durch Text, Bild oder durch Algorithmen geschieht. Schließlich ist es auch kein Zufall, dass die Konzernmutter von Google vor zwei Jahren den Namen Alphabet erhalten hat und im Internet unter der Domain abc.xyz zu erreichen ist.

Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart: Art and Alphabet. 21. Juli bis 29. Oktober 2017
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr, Donnerstag: 10 bis 21 Uhr.

Hamburger Kunsthalle

Über Sandra Strüwing

Kommunikatorin und Netzwerkerin aus Leidenschaft. Liebstes Hobby und persönlicher Anspruch: candid communications.

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Am 1. August 2017
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